Kirchheim

Dekanin geht noch einmal studieren

Fortbildung Renate Kath reist für ein Kontaktsemester in den Libanon, wo sie an der Near East School of Theology in Beirut eingeschrieben ist, um dort zu leben und zu lernen. Von Andreas Volz

Das Bild wirkt beinahe so, als befinde sich Kirchheims Dekanin Renate Kath bereits an einer archäologischen Stätte im Libanon. A
Das Bild wirkt beinahe so, als befinde sich Kirchheims Dekanin Renate Kath bereits an einer archäologischen Stätte im Libanon. Allerdings stützt sie sich hier noch an den Mauern der Martinskirche, obwohl sie zur Probe schon mal kurz das Kollarhemd trägt.Foto: Carsten Riedl

Sie ist dann mal weg: Ende September macht Kirchheims Dekanin Renate Kath „den Abflug“ - einen ganz konkreten, in Richtung Libanon. Sie nimmt ein Sabbatquartal, um sich in Beirut weiterzubilden. An der dortigen Near East School of Theology (NEST) hat sie sich für ein Kontaktsemester eingeschrieben. Rund zwölf Wochen will sie in der Levante verbringen, um dann - gestärkt durch viele neue Eindrücke - den Rückflug nach Frankfurt anzutreten. Mitte Dezember nimmt sie ihre Amtsgeschäfte wieder ganz normal auf, fast so, als wäre nichts gewesen.

Ein Mal im Berufsleben steht es Pfarrern zu, sich drei Monate am Stück für ein umfangreiches Fortbildungsprogramm freizunehmen. Die Schwerpunkte lassen sich selbst wählen. Sie sind so unterschiedlich, wie die Pfarrer auch als Menschen unterschiedlich sind. Im Antrag an den Oberkirchenrat ist das Projekt ebenso detailliert anzugeben wie die Begründung dafür, sich deswegen vom Alltags-Dienst freistellen zu lassen. Was außerdem noch wichtig ist beim Forschungsquartal: Die Pfarrer haben ein Recht darauf, es ist aber keine Pflicht.

Für Renate Kath ist jetzt der richtige Zeitpunkt für diese aktive Art der Auszeit gekommen: Einerseits sind die Töchter längst flügge geworden, und andererseits dauert es noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand. Allerdings betont sie in diesem Zusammenhang: „Für die nächsten vier Jahre bis zu meiner Altersgrenze habe ich noch einige Themen und Projekte.“

In den drei Monaten vor Weihnachten stehen aber ganz andere Themen auf ihrer Agenda: Es gilt einzutauchen in eine Welt der religiösen Vielfalt, wie sie sonst nirgendwo auf der Welt zu finden ist. Nahezu alle christlichen Konfessionen sind im Libanon präsent - „vor allem ganz viele unterschiedliche orthodoxe Gruppierungen“. Hinzu kommt noch die muslimische Vielfalt: „Spannend ist, dass sich dort alle islamischen Glaubensrichtungen in einem einzigen Staat finden lassen.“

Was Renate Kath ebenfalls fasziniert, ist die Archäologie - nicht nur, aber durchaus auch die Archäologie im Nahen Osten. Unter anderem ist sie im Libanon auf den Spuren der legendären Forschungsreisenden Gertrude Bell unterwegs. Und natürlich darf ein gewichtiger Band Max von Oppenheims nicht fehlen im Reisegepäck. Zwei Mal 23 Kilogramm kann sie immerhin aufgeben und in Richtung Libanon mitschleifen.

Mit Bibel und Koran auf Reisen

Zur gewichtigen Fachliteratur für Studienzwecke gehört beispielsweise eine englische Koranausgabe, die immerhin anderthalb Kilogramm auf die Waage bringt. Da fällt die Bibel weitaus weniger ins Gewicht: „Die habe ich sowieso dabei, aber als E-Book.“

Zur Kleidungsgrundausstattung gehört das Kollarhemd, das für Pfarrer der evangelischen Landeskirche sonst eher unüblich ist. Im Libanon aber kann Renate Kath kaum darauf verzichten: „Nur dadurch ist man als Geistlicher erkennbar, das macht uns zu Funktionsträgern.“ Frauen als geistliche Würdenträger sind im Nahen Osten ohnehin nicht weit verbreitet. Ein Grund mehr also, das besondere Kleidungsstück zu tragen: „Ich habe überhaupt kein Problem mit dem Kollarhemd, wenn ich weiß, dass es meinem Gegenüber hilft, mich ernstzunehmen.“

Die Vorfreude auf eine erfüllte Zeit ist bei Renate Kath jedenfalls groß. Aber was macht das „verwaiste“ Dekanat in dieser Zeit? Kein Problem, die Dekanin hat großes Vertrauen in ihr Team: „Zur Not bin ich ja auf jeden Fall erreichbar. Außerdem versuche ich, jetzt alles so zu regeln, dass im Herbst fast nichts Dringliches mehr anfällt.“ Dass ein Dekanat auch einmal längere Zeit ohne Dekanin auskommen kann, weiß sie schließlich aus eigener Erfahrung: „Im Dekanat Zuffenhausen musste ich einmal als stellvertretende Dekanin ein halbes Jahr lang die Geschäfte als Krankheitsvertretung führen. Das hat auch funktioniert.“

Die wichtigste Grundregel scheint Renate Kath also bereits zu beherrschen, bevor sie ihre lehrreiche Auszeit antritt. Kein Geringerer als Papst Johannes XXIII. hat sie vor bald 60 Jahren auf den Punkt gebracht. Ein Engel habe ihm kurz nach der Papstwahl im Traum zugeflüstert: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“

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