Lokale Kultur

Dem Räuberhauptmann auf der Spur . . .

Der schweizer Erfolgsschriftsteller Lukas Hartmann präsentierte seinen historischen Roman „Räuberleben“

Kirchheim. Er strahlt Kompetenz aus und versteht es zweifellos gut, sein Publikum für das Ergebnis seiner sorgfältigen Arbeit zu gewinnen, an deren Ende erwartungsgemäß höchst differenzierte Romane für Erwachsene aber speziell auch für Kinder stehen.

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Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Lukas Hartmann ist es gewohnt, sich in steter Regelmäßigkeit mit seinen neuen Büchern schnell in den schweizerischen Bestsellerlisten wiederzufinden – dank seiner sprachlichen Brillanz und seiner Fähigkeit, überzeugend lebensechte Charaktere zu zeichnen ohne dabei auf effekthascherische holzschnittartige Typen zurückzugreifen.

Marktschreierisch das jeweils neue Produkt feilzubieten, ist seine Sache nicht. Was die Qualität seiner Bücher ausmacht und immer wieder für begeisterte Rezensionen sorgt, ist ihm aber doch wichtig. Er zeigt es an gelungen ausgewählten Passagen auf und vertraut auf die damit geweckte Neugierde seines Publikums.

Die spannende Geschichte des immer auf der Flucht sich befindenden Räuberhauptmanns Hannikel wird nicht chronologisch heruntergeleiert, sondern mit dem mitdenkenden und vor allem mitfühlenden Leser gemeinsam entwickelt. Durch eine wahre Polyfonie unterschiedlichster Erzählstimmen gelingt es ihm, ein ungemein differenziertes Bild zu entwickel. Er begibt sich in die Niederungen des brandschatzenden Räubers und entdeckt dabei, dass er und seine Familienmitglieder als sogenannte „Sans Papiers“ als ausweis- und damit rechtlose Außenseiter überhaupt keine Chance haben, ein gottgefälliges Leben zu führen und die Rechte ihrer Mitmenschen zu achten. Solange Hannikel seine Opfer fast ausschließlich unter reichen Juden sucht, wird er von den Autoritäten nur halbherzig verfolgt. Eine unbarmherzige Hetzjagd setzt aber ein, als er durch einen Ehrenmord dem Räuberfänger Jakob Schäffer endlich die Chance bietet, ihn zur Strecke zu bringen. Damit will er nicht unbedingt der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen, sondern seine längst zum Selbstzweck gewordenen Rachegelüste ausleben und sein von manischem Ehrgeizig gesteuertes Geltungsbedürfnis befriedigen.

Als Gegenfigur setzt Lukas Hartmann den etwas farblosen Schreiber Wilhelm Grau ein, der schon bald erkennt, dass die gnadenlos verfolgten rechtlosen „Bestien“ schon „durch den Zufall der Geburt in die Nähe des Verbrechens geraten waren.“ Ganz besonders deutlich spielt er diese unerträgliche Chancenlosigkeit an Hannikels unschuldigem Sohn Dieterle durch, der stellvertretend für alle Gräueltaten seines Vaters und des gesamten „fahrenden Volkes“ kein Täter, sondern ein unschuldiges Opfer ist.

Als sensibler Beobachter lässt Lukas Hartmann aber auch den Blick in oberste gesellschaftliche Ebenen nicht aus. Mit spielerischer Sicherheit bewegt er sich zwischen der robusten Raubeinigkeit des Räuberlagers und der gottes- und verordnungsfürchtigen Korrektheit der Amtsstube des unbarmherzigen Zigeuner-Hassers und Räuber-Jägers hin und her. Dass er auch in die Privatgemächer von Herzog Karl Eugen und seiner Franziska blickt, gibt seinem vielschichtigen Gesellschaftsbild des ausgehenden 18. Jahrhunderts noch überzeugendere historische Dimensionen.

Während Räuberhauptmann Hanikel ohne Skrupel brandschatzt und jüdische Kaufleute meuchelt, predigt der Landesvater den von ihm ausgepressten Untertanen brutalstmögliche heilbringende Sparsamkeit, während er selbst in Saus und Braus lebt und am Stuttgarter Hof opulente Jagdfeste feiert.

Lukas Hartmanns Vielseitigkeit beeindruckt und basiert zweifellos auf den Erfahrungen eines facettenreichen Lebens. Zunächst als Primar- und Sekundarlehrer tätig, studierte der heutige Erfolgsautor Germanistik und Psychologie, baute eine Jugendberatungsstelle auf war Rundfunkredakteur, Lehrer für Journalismus, Leiter von Schreibwerkstätten und Medienberater. Neben Aufenthalten in Indien, Südamerika und Afrika war er auf Einladung des Goethe-Instituts in Ägypten auf Vortragsreise und nicht zuletzt als Stipendiat am Instituto Svizzero in Rom.

Als Autor mit großartigem Sprachgefühl ist er zudem auch als Übersetzer aus dem Japanischen, Französischen und Slowakischen gefragt. Vor allem schreibt er aber vielschichtige historische Romane, deren jüngster trotz des gewählten Sujets alles andere als eine „Räuberpistole“ ist.