Lokale Wirtschaft

Den deutschen Blick globalisieren

Die vier namhaften mittelständischen Unternehmer aus der Region Esslingen/Göppingen wollen sich nicht als "vaterlandslose Gesellen" diffamiert sehen. Darin waren sich die Vertreter von Balluff, J. Eberspächer, WMF und Roto Frank einig, die auf Einladung der Südwestmetall über Investitionen im Ausland und Standortsicherung Deutschland diskutierten.

PETRA BAIL

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ESSLINGEN Sie hielten ein engagiertes Plädoyer für den differenzierten Blick auf jedes einzelne Unternehmen, räumten aber gleichzeitig die "Bringschuld" einer besseren Kommunikation ein, um Entscheidungen in einem Betrieb transparenter zu machen.

Der Aufbau einer Auslandsproduktion muss nicht zwangsläufig zu Lasten der Arbeitnehmer im Inland gehen. Im Gegenteil, wie die Beispiele der vier Unternehmen bewiesen. Der Bauzulieferer Roto Frank aus Leinfelden-Echterdingen (480 Millionen Euro Jahresumsatz), der Beschläge für Fenster und Türen herstellt, hat verschiedene Auslandsstandorte. "Der Schritt war für uns konsequent", so Finanzvorstand Michael Stangier. "Durch Ungarn stärken wir den Produktionsstandort Deutschland und die Beschäftigung der Mitarbeiter." Von den 3 300 Firmenangehörigen arbeiten 1 300 an vier Standorten in Deutschland, hauptsächlich in den Bereichen zentrale Konstruktion, Entwicklung und Verwaltung.

Auch Rolf Hermle, Geschäftsführender Gesellschafter bei Balluff in Neuhausen und stellvertretender Vorsitzender der Südwestmetall, sieht es als Erfolg, Werke in Länder mit niederen Lohnkosten wie Ungarn, Brasilien oder China verlagert zu haben. Für den Hersteller von Sensorik im Automatisierungsbereich mit 190 Millionen Euro Gruppenumsatz im vergangen Jahr, gab es nur diese Möglichkeit, dem internationalen Wettbewerbsdruck standzuhalten. "Die Entscheidung, 1989 in Ungarn die Fertigung aufzubauen, versetzte uns in die Lage, durch einen interessanten Kostenmix den Standort Deutschland zu halten", so Hermle. Er räumte ein, "kopflastig" geworden zu sein. Von weltweit 1 800 Beschäftigten sind 650 in Neuhausen und davon ist lediglich ein Drittel in der Produktion. Wie wertvoll der Standort auf den Fildern ist, unterstreicht Hermle mit der Tatsache, dass unlängst acht Millionen Euro für Erweiterungen investiert wurden.

140 Jahre existiert der Kfz-Zulieferer J. Eberspächer in Esslingen und das wertet Geschäftsführer Dr. Wolf Münstermann als Stabilität. Das Familienunternehmen mit 1,4 Milliarden Euro Jahresumsatz folgte dem Ruf seiner Kunden, die im Ausland produzieren. "Wir sind ein stückweit Getriebene", so Münstermann. "Wir müssen vor Ort sein, wollen wir den Kunden nicht verlieren." Obwohl es für den Betrieb mit 3 400 Beschäftigten in Deutschland "einen Klimmzug" bedeutet, Entwicklungszentren und Fertigungseinrichtungen beispielsweise in den USA aufzubauen. Durch die kleinen Zeitfenster, oft sind es vier, fünf Stunden, kann man die Lieferung nicht mehr von Esslingen aus steuern. 1 800 Mitarbeiter zählt J. Eberspächer im Ausland. Durch interne Veränderung konnte der Personalstand hierzulande "einigermaßen" gehalten werden. Der Trend geht weg vom produzierenden Bereich, hin zu begleitenden, betreuenden und entwickelnden Aufgaben. Schließlich ist man nicht nur Investor im Ausland, die Produkte werden auch exportiert. So lagen die Zuwächse im Automobilbereich in China im vergangen Jahre bei 75 Prozent.

Obwohl der Slogan "made in Germany" beim Besteck-Kochgeschirr- und Messerhersteller WMF (561 Millionen Euro Konzern-Umsatz pro Jahr) ein wichtiges Kriterium ist, hat das Unternehmen aus Geislingen an der Steige 650 Beschäftigte in Asien und USA. Bereits 1973 wurde in Singapur eine Messerfertigung erstellt, die vor drei Jahren aus Kostengründen geschlossen wurde. Inzwischen sind in Südchina 350 Mitarbeiter für die Produktion von hochwertigen Bestecken zuständig. Markenqualität ist für WMF wichtig, weshalb unter hohen Qualitätsvorgaben gefertigt wird. Ein Beitrag zur Standortsicherung Geislingen/Steige ist für Personalleiter Peter Schmid die Beschäftigungsgarantie bis 2007 und Investitionen von 15 Millionen Euro im vergangenen Jahr sowie die Ausbildung gewerblicher Berufe.

Lehrgeld mussten die vier Unternehmen für die Globalisierung offenbar nicht bezahlen. Niemand machte schlechte Erfahrungen. Münstermann schwärmt sogar von einer "hervorragenden Struktur" von Facharbeitern bis zu Ingenieuren in Tschechien. "Die sind hellwach, interessiert und besser als in diesem Jammerland. Die wissen, dass ihre Chance kommt." Für die Führungsriege ist es ein "täglicher Kampf, hier zu bleiben", wie Münstermann die Bemühungen zum Erhalt der Jobs in Deutschland formulierte. Trotz enormem Druck ist es bisher gelungen.