Lokale Kultur

"Den Himmel zu Füßen"

KIRCHHEIM "Den Himmel zu Füßen", so lautet der Titel des aktuellen Romans der in Tübingen lebenden Autorin Sandra Hoffmann. Nach

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FLORIAN STEGMAIER

der bei dtv erschienenen und nicht zuletzt von der Neuen Zürcher Zeitung hoch gelobten Erzählung "Schwimmen gegen Blond" handelt es sich dabei um ihre zweite Veröffentlichung, die sie auf Einladung des Literaturbeirats im Rahmen einer Lesung im Max-Eyth-Haus vorstellte. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt der Reihe "Literaturszene in Baden-Württemberg", die insbesondere jungen Schriftstellern in loser Folge ein Forum bieten möchte, ihre Werke vor einem diskussionsbereiten Literaturpublikum zu präsentieren.

Es ist vor allem der Roman einer Kindheit, den Hoffmann mit ihrem neuem Werk vorlegt. Einer Kindheit und ihrer latent lauernden Gefährdung in einer doch so behüteten Gesellschaft. Aus der Perspektive der Protagonistin Enni, die im Fortgang des dreiteilig angelegen Romans vom Kindheitsalter über die Pubertät zur jungen Erwachsenen heranreift, begegnen mit einem liebevollen, dennoch stets detailgenauen Blick dem Leser die Abgründe einer scheinbar heilen Familie.

Enni wächst naturnah auf, zwischen Buddha im Meditationsraum und Christus an der Wand, dem alternativen Vater, der tüchtigen Mutter und einer frömmelnden Großmutter, die mit im Haus wohnt. Alle nur möglichen Tiere bevölkern den großen Garten, werden benannt und versorgt. Die Welt könnte in Ordnung sein.

Doch inmitten der Zwänge und Verhaltensmuster einer Alltagsszenerie von Schule, Ballettunterricht und Kinderfreundschaften mischen sich bald die neuen Riten einer erwachenden Sexualität. Und dieses Erwachen ist für Enni ein böses. Sie beginnt zu hungern. Mit virtuos geschriebenen und nicht weniger brillant vorgetragenen Auszügen aus ihrem Roman erlaubte Sandra Hoffman ihren Hörern tiefe Einblicke in die Fragilität einer jungen Psyche, ohne dabei selbst ins Psychologisieren oder schlimmer noch, ins Moralisieren zu geraten.

Bei allem Wandeln am Abgrund verströmen die Texte jedoch keine Todessehnsucht. Im Gegenteil. Dem existentiell-bedrohlichen Aspekt der Magersucht wird auf literarischer Ebene, ohne die Krankheit dabei zu verharmlosen oder gar zu verklären, zutiefst menschlich, auch humorvoll und stets lebenszugewandt entsprochen.

Zugegeben, solch eine spezifische, jedoch und das ist in jeder Zeile spürbar voll aus dem Leben geschöpfte Thematik mag nicht jedem Leser dasselbe Potenzial an Identifikation bieten. Dennoch vermag die glaubwürdige Authentizität des Textes im Verbund mit seiner unbestreitbar hohen literarischen Qualität nicht umsonst war Sandra Hoffmann dieses Jahr zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Kärnten eingeladen zweifellos auch für denjenigen Leser reizvoll sein, dessen Biografie von solchen Schatten verschont bleiben konnte.