Lokale Kultur

Der Hirbel hypnotisiert Hühner und sitzt singend im Schrank

KIRCHHEIM "Das war der Hirbel" ist ein Theaterstück, das auf der gleichnamigen Buchvorlage von Peter Härtling basiert. Der Hirbel ist neun Jahre alt und von Geburt an geistig behindert. Weil we-

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BERENIKE NORDMANN

der seine Mutter noch die Pflegeeltern mit ihm zurecht kommen, wird er ins Heim abgeschoben. Dort sammelt er Erfahrungen, gewinnt aber auch hier weder die ersehnte Wärme noch die Freundschaft zu anderen Menschen.

In einer Ein-Mann-Aufführung inszenierte der Schauspieler Norbert Eilts den Jugendroman am gestrigen Mittwoch im Jugendhaus Linde in Kirchheim. Eilts ist Mitglied bei der Theatergruppe "Dein Theater ein Theater auf Bestellung". "Wir treten nicht nur für Kinder auf, sondern für eigentlich alle Publikumsschichten. Auch auf Festen und Feiern", stellt er das Theater vor. "Gerade durch die Zwischentexte auf der Bühne ist das Stück auch für Kinder verständlich", erklärt Eilts die szenische Erzählung.

Mit einem alten Koffer, einer großen, weißen Plastiktüte und einer Schiebermütze auf dem Kopf kommt der Schauspieler auf die Bühne. Er stellt seinen Koffer ab und fängt an, wie wild einen ausrangierten, alten Fahrradsattel, weitere Tüten und einen Plastikeimer auf die Bühne zu schmeißen. Aus einem Farbkasten nimmt er mit den bloßen Fingern Frabe und bemalt seine Augen, seine Ohrläppchen und die Nasenlöcher. Die Kinder im Publikum lachen über den unbeholfenen Mann auf der Bühne.

"Wisst ihr was ein Hirbel ist?" fragt der Darsteller die Kinder. "Ein Hirbel wirbelt umher und bringt alles durcheinander", klärt er auf. Die Thematik des Stücks befasst sich damit, was man mit einem Menschen macht, der nicht in die Gesellschaft passt, weil er nicht "normal" ist. Der Hirbel ist ein solcher Mensch. Darum kommt er auch ins Heim. Dieses wird durch einen großen Pappkarton auf der Bühne dargestellt, in den der Schauspieler steigt und sich versteckt.

Um weitere Personen der Handlung darzustellen, verleiht Norbert Eilts der ältlichen Pflegerin Müller eine krächzende Stimme oder zieht einen Arbeitskittel an und spricht mit ungehobelten Ausdrücken, um den Hausmeister Schopenstecher zu charakterisieren. Mit verzerrtem Gesicht und unbeholfenen Bewegungen interpretiert er die anderen Heimkinder, die mit Hirbel im Schlafsaal toben. "Als alle anderen endlich still in ihren Betten liegen, ist der Hirbel der Einzige, der noch laut ist", erzählt Eilts den Kindern. "Er sitzt nackt im Schrank, hält seine Unterhose in der Hand und fängt an zu singen", dabei reißt der Schauspieler sein Hemd aus der Hose.

In der Rolle des Hausmeisters hantiert Eilts mit einer Klobrille, einem Farbroller und einer Duscharmatur. Der Hausmeister repräsentiert die Erwachsenenwelt, in der alles seine Ordnung haben muss. Für alles, was kaputt geht, macht er den Hirbel verantwortlich. Bis dieser beschließt, aus Rache Schopenstechers Hühner zu hypnotisieren. Die Hühner weiße Plastiktüten, die mit Federn gefüllt waren stellt der Schauspieler fein säuberlich in einer Reihe auf .

Der Hausmeister glaubt daraufhin, dass der Hirbel ein Attentat auf ihn vor hätte und nichts zu Stande brächte. "Aber ist man nur dann ein Mensch, wenn man etwas zu Stande bringt?", spricht Eilts die Kinder wieder an. Im weiteren Verlauf des Stücks erzählt der Schauspieler von Hirbels Erlebnissen in der Kirche, wo der Junge Lieder singen sollte. Hirbel hat eine wunderschöne Stimme, aber er kann sich die Texte der Kirchenlieder nicht merken und singt daher nur "lalala".

Als Hirbel beschließt, nach Afrika zu wandern, trifft er auf eine Schafherde und hält die Tiere für wilde Löwen. Bekleidet mit Mantel und Hut einer Vogelscheuche, die er für einen erstarrten Mann hält, wird er vom Schäfer gefunden und zurück ins Heim gebracht.

In dem Stück geht es auch darum, zu lernen, dass manche Menschen die Welt aus einer ganz anderen Perspektive wahrnehmen. Die Thematik ist aber auch aktuell. "Gibt es für einen Hirbel eigentlich keine Eltern? Jemand der ihn aushält?", fragt Eilts abermals und merkt an, dass heute die Menschen sowieso nur noch sehr wenig aushalten. "Diese Kinder werden dann entweder als hyperaktiv bezeichnet oder haben das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom," erklärt er nach der Vorstellung. Obwohl das Theaterstück einen gesellschaftskritischen Hintergrund hat, wird es mit Witz inszeniert und lässt die Zuschauer schmunzeln.

INFOAm heutigen Donnerstag findet eine weitere Vorführung des Theaters in der Waldorfschule in Kirchheim statt. Das Stück ist für Kinder ab acht Jahren und beginnt um 11 Uhr.