Lokale Kultur

Der kurze Traum vom großen Glück

KIRCHHEIM Der "Traum vom Glück" währte erwartungsgemäß nicht lange. Der größte anzunehmende Glücksfall, unverhofft plötzlich 37 Millionen Euro in Händen zu halten, verwandelte sich in Windeseile in den Albtraum, der hinter einem solchen "Wunder" nur stecken

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WOLF-DIETER TRUPPAT

kann. Die auf die Bühne projizierten Versuchungen und Verführungen, Heimsuchungen und Herausforderungen hätten auch bei allen im richtigen Leben stehenden Menschen garantiert nicht für süße Träume, sondern für schlaflose Nächte gesorgt. "Endlich reich", lautet der Titel des Stücks, mit dem "Das Schwäbische Tournee Theater" aus Waiblingen den jüngsten Theater-Abend in der Stadthalle bestritt.

Die mutige Adaption von Ray Cooneys Erfolgsstück "Funny Money" ins Schwäbische konnte sich sehen lassen auch wenn das biedere Bühnenbild zunächst Grund für berechtigte Ängste lieferte, sich versehentlich in die Szenerie eines Bauernschwanks verlaufen zu haben. Auf den zweiten Blick konnte das mit Plastikblumen, Kuckucksuhr und Katzen-Kletterturm gestaltete Spießbürger-Ambiente aber schon weit mehr überzeugen. Dass zwischen den ordentlich im Regal aufgereihten Zinntellern plötzlich auch noch eine Radkappe auftauchte, passte zum turbulenten Durcheinander, das sich immer rascher und kurioser entwickelte.

Je länger die spektakuläre, aber zunächst noch relativ überschaubar wirkende Grundsituation sich vor sich hinkomplizierte, desto weniger konnten noch irgendwelche Zweifel aufkommen, dass der präsentierte Wahnsinn Methode hat. Kein komödientaugliches Klischee wurde ausgelassen und kein Kalauer war zu schade, um nicht doch noch Verwendung zu finden und ruhig auch gleich mehrfach redupliziert zu werden. Dennoch war alles frisch und munter zusammengewürfelt, einerseits stimmig konstruiert, andererseits aber auch immer wieder so von hanebüchenen Überraschungen unterminiert, dass keine Langeweile aufkommen konnte.

Dass der nach einem versehentlichen Aktentaschentausch möglich gewordene Traum von unermesslichem Reichtum in zweistelliger Millionenhöhe rasch platzen und der unbarmherzigen Realität des Alltags wieder Platz machen musste, war klar. Wie genau dieses Ziel aber erreicht werden könnte, war schwer einzuschätzen. Auch atemberaubender Klamauk kann also durchaus mit einer gewissen Komplexität daherkommen und vom Publikum volle Konzentration fordern.

Viel mehr Brüder und Schwestern, Schwager und Schwägerinnen, Kriminalbeamte, Kängurus und Kätzchen hätten nicht nur die Darsteller, sondern streckenweise sicher auch die vorwiegend gut gelaunten Zuschauer überfordert. So aber konnte das Stadthallenpublikum eine abenteuerliche Allianz aus schwäbischem und britischem Humor goutieren, die mit immer rascherem Tempo und immer überbordenderem Klamauk der Pause entgegenkasperte.

Grau besockt und im für Buchhalter eher untypischen Bahamahemd lauerte Erich Bechtle (Klaus Ellmer) dem gut erholt aus der Pause in die Halle zurückströmenden Publikum schon am Bühnenrand auf, um es vor den jetzt anstehenden lautstarken Schießereien zu warnen. Hörgeräte und Herzschrittmacher rechtzeitig auszuschalten, war der gut gemeinte Rat des bermudabehosten Buchhalters. Angesichts der durch einen prall gefüllten Geldkoffer ausgelösten Komplikationen einer immer wieder vereitelten Flucht nach Barcelona hatte der von der Kokain-Mafia verfolgte neue Euro-Millionär schließlich überhaupt keine Skrupel, kurzerhand seine Ehefrau Inge (Elke Dobusch) gegen ihre fluchtkompatiblere Freundin (Sabine Zobely) einzutauschen, die zugleich die Frau seines besten Freundes (Lutz Link) war. Ein letztes Mal konnte er damit die im Eifer der dramtischen Geschehnisse immer schwankender werdende Ehefrau davon überzeugen, dass er ihr als kleiner Langweiler deutlich lieber gewesen war.

Immer wieder in die Niederungen nahe liegender Anzüglichkeiten abtauchend, liefen die behutsam an britische Skrupelresistenz sich herantastenden schwäbischen Akteure eigentlich nie wirklich Gefahr, zu sehr ins Reich fragwürdiger Zoten abzudriften. Auch an denkbar gefährlichen Wegstrecken konnten sie mit vollen Segeln stets Tempo machen und drohenden Peinlichkeiten schon allein durch rasche Flucht meist erfolgreich entgehen.

Der korrupte Kommissar Denzlinger (Hans Martin Thill) und der beamtisch-korrekt die traurige Nachricht von Erich Bechtles gewaltsamem Ableben übermittelnde Kommissar Strohmayer (Matthias Just) vervollständigten das Epizentrum ausgelassenen, aber auszuhaltenden Humors, in dem Taxifahrer Kurt Ernst (Uwe Plessing) letztlich die wichtigste Rolle spielte.

Die von Regisseurin Susanne Heydenreich die zugleich auch Schauspielerin und Intendantin am Theater der Altstadt in Stuttgart ist ohne allzu große Brüche von London direkt nach Fellbach verlagerte Handlung wurde vom Stadthallenpublikum sehr gut aufgenommen. Als dann die immer aberwitzigeren Entwicklungen mit einem geldwerten Happy-End jäh abgebremst wurden, konnten sich zwischen Geldbündeln und Kokainbeuteln alle doch noch auf eine endlich wieder ganz normale Geburtstagsfeier konzentrieren. Das Publikum nutzte dann auch die "sanfte Ausblende" vom Wahnwitz zurück in die Realität, um sich bei den Akteuren gebührend für ihre schwäbisch-britische Komödie zu bedanken.