Lokale Wirtschaft

Der Orgelbauer läutete das industrielle Zeitalter ein

Einst gehörte die Firma Weigle zu den renommiertesten Orgelherstellern weltweit. Knapp hundert Jahre stellte sie in Echterdingen ihre Präzisionsinstrumente her und läutete damit das industrielle Zeitalter ein.

TOBIAS FLEGEL

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LEINF.-ECHTERDINGEN Das Jahr 1888 bedeutet eine wichtige Zäsur in der Geschichte Echterdingens: "Der Ort war bis zu diesem Zeitpunkt vorwiegend landwirtschaftlich geprägt", erklärt der ehrenamtliche Leiter des Stadtmuseums, Wolfgang Haug. "Friedrich Weigle brachte die Industrialisierung zu uns. Er war der erste, für den abhängig Beschäftigte arbeiteten."

Der Umzug des 1845 von Carl Gottlieb Weigle in Stuttgart gegründeten Orgelbaubetriebs auf die Filder schuf dort aber nicht nur neue Arbeitsplätze. Die Niederlassung platzierte Echterdingen auch auf die Landkarte der gefragtesten Orgelschmieden der Welt: Weigle-Instrumente waren für ihren Klang und ihre hochwertige Verarbeitung international bekannt. Bereits ab 1851 exportierte das Unternehmen seine Modelle nach Europa, Amerika, Asien und Afrika in 22 Länder.

Erfindungen und technische Verbesserungen trugen dazu bei, Weigles Renommee weiter zu festigen. Stücke, die nach Brasilien oder Indonesien gingen, machten die Echterdinger Orgelbauer mit Hilfe spezieller Verarbeitungstechniken tropenfest und 1870 gelang Weigle der Bau der ersten elektrischen Orgel. Drei Jahre wurde sie auf der Weltausstellung in Wien präsentiert.

Gleichwohl musste die Firma wirtschaftliche Rückschläge einstecken. Zweimal, in den Jahren 1901 und 1930, beantragte Weigle Insolvenz, fand jedoch beide Male gerade noch den Weg aus der Krise. Bemerkenswert ist hierbei, dass beim zweiten Insolvenzantrag die Beschäftigten 13 000 Mark sammelten und damit dem Betrieb das Überleben sicherten. Bis 1985 wurden auf den Fildern noch Orgeln gebaut. Dann, nach 1381 gefertigten Instrumenten, entschied sich Fritz Weigle, die Werkstore für immer zu schließen.

Weigle-Orgeln sind aber noch heute im Einsatz. In der Stuttgarter Liederhalle ist ebenso ein Modell zu hören wie in der Tübinger Stiftskirche und natürlich steht auch in Echterdingen eine Weigle. Schon 1948 erhielt die Stephanuskirche eine zweimanualige Orgel, die 1932 erneuert und 1984 durch ein dreimanualiges Modell ersetzt wurde.

Seit Sonntag ist die erste Orgel zusammen mit einer Reihe anderer Exponate im Stadtmuseum zu besichtigen. Rund zwanzig Jahre lagerten die Ausstellungsstücke im Keller des Museums. Nun, rechtzeitig zum 30-jährigen-Bestehen des Heimatmuseums, präsentiert sie Wolfgang Haug der Öffentlichkeit.

Die Ausstellung begleiten zwei öffentliche Führungen am 5. Juni und 23. Oktober und zwei Orgelkonzerte in der Echterdinger Stephanuskirche am 17. April und 10. Juli. Interessierte können ferner an einer Orgelexkursion in den Schwarzwald am 23. April und an einer Besichtigung der Werkstätte für Orgelbau Mühleisen GmbH in Leonberg am 18. Juni teilnehmen.