Lokale Kultur

Der Teufel als Ratgeber nutzt die menschliche Schwäche aus

KIRCHHEIM Auf mehrere Reisen hat Dr. Horst Zimmermann seine treue Gefolgschaft in seiner Kirchheimer Buchhandlung mitgenommen. Geografisch gesehen, führte die

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ANDREAS VOLZ

wichtigste Reise von Worms "in der Hiunen lant" also in das Land der Hunnen. Auch in der umgekehrten Richtung waren bedeutende Reisegesellschaften unterwegs: Von der Etzelburg am ungarischen Donauknick aus hatte sie der mächtige Hunnenkönig Etzel "zuo der Burgonden lant" gesandt. Bedeutend war aber auch die Zeit- und Fantasiereise in die Welt des Nibelungenlieds: Aufgeschrieben um das Jahr 1200 also vor rund 800 Jahren , erzählt der Text eines unbekannten Dichters auf seine Art altbekannte Sagengeschichten. Diese Geschichten wiederum spielen in der Völkerwanderungszeit also weitere 800 Jahre, bevor die mittelhochdeutsche Nibelungenlied-Dichtung entstanden ist und schriftlich fixiert wurde.

So fern das Jahr 1200 aus heutiger Sicht ist, so fern muss dem Dichter folglich auch die Zeit gewesen sein, in der seine Handlung anzusiedeln ist. Das wäre nicht weiter schlimm, schreiben doch heutige Autoren auch gerne Romane mit historischem Hintergrund und entsprechendem Ambiente. Allerdings kann niemand gänzlich seiner eigenen Zeit entgehen. So finden sich im Nibelungenlied immer wieder heroische Elemente aus der Völkerwanderungszeit, die mit dem Gedankengut der höfischen Welt und ihrer Rituale aus der Stauferzeit verknüpft sind.

Dass diese beiden unterschiedlichen Welten die heroische und die höfische nicht immer zusammenpassen, betonte Horst Zimmermann nun in der sechsten Folge seiner mehrjährigen Nibelungen-Reihe. Inzwischen ist dieses "close-reading-Seminar" bereits beim zweiten Teil des mittelalterlichen Textes angekommen. Siegfried ist ermordet und von vielen vergessen. Nur nicht von Kriemhild. Sie denkt für den Rest ihres Lebens unaufhörlich an ihren Mann und sinnt auf Rache.

Wie es sich für ein Epos gehört, brauchen nicht nur der Dichter und seine Zuhörer einen langen Atem, sondern auch die handelnden Personen. Kriemhild muss sich sehr viel Zeit lassen, bevor sich eine günstige Konstellation für die Rache ergibt. Und von den ersten Anzeichen für eine geeignete Position als Königin und Gemahlin des mächtigen Etzel bis hin zur kompletten Vernichtung ihrer Feinde (der eigenen Familie wohlgemerkt!) vergehen ebenfalls große Mengen an erzählter Zeit und an erzählender Zeit.

Zwischen dem ersten Teil des Nibelungenlieds, der mit der 19. Aventiure endet, und dem zweiten Teil, der mit Aventiure 20 beginnt, liegen Welten: hier Burgunder, dort Hunnen; hier der Rhein, dort die Donau; hier die Sorglosigkeit des jungen Siegfried, die auf Kriemhild abstrahlt, und dort das allgegenwärtige Leid Kriemhilds, die ihre Tränen verbirgt und ihre höfische Rolle in Vollendung beherrscht. Im Hinterkopf hat Kriemhild aber nur die Rache.

Letztlich handelt es sich bei den beiden Teilen des Nibelungenlieds auch um zwei eigene Sagenwelten, wie Horst Zimmermann an dieser Stelle betont: "Es sind zwei deutlich getrennte Teile, die der Dichter da zusammengefügt hat. Und es ist ihm nicht immer gelungen, die Ungereimtheiten auszuräumen, die dadurch entstehen." Das Nibelungenlied ist also widersprüchlich. Das gilt aber selbst für Handlungen innerhalb der einzelnen Teile, und außerdem ist das Nibelungenlied keinesfalls widersprüchlicher als das Leben selbst. Und gerade darin mag die Faszination dieses Textes liegen, die erstaunlich viele Enthusiasten selbst 800 Jahre nach der Niederschrift zu wiederholten Malen in eine Buchhandlung lockt, um einer interpretierenden und kommentierenden Lesung beizuwohnen.

Dr. Horst Zimmermanns Anliegen ist es, dem Dichter auf die Finger zu schauen und herauszuarbeiten, wie er mit seinem Handwerkszeug umgeht, welche Spuren er legt und worauf er mit welchen Mitteln die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer lenkt. Die Aventiuren 20 bis 23 waren nun an der Reihe. Gleichwohl beginnt Horst Zimmermann mit einer einzigen Strophe aus dem 23. Kapitel: In Strophe 1394 nach der Zählung der Handschrift B wird der "übel vâlant" als möglicher Ratgeber Kriemhilds eingeführt, der Teufel also. Zimmermann legt Wert darauf, dass es sich an dieser Stelle um einen Kommentar des Dichters handelt. Diese Verbindung Kriemhilds mit dem Teufel ist somit ebenso gewichtig, wie an einer späteren Stelle, als Dietrich die Hunnenkönigin in direkter Anrede als "vâlandinne", als Teufelin bezeichnet. Dazu bemerkt Horst Zimmermann außerdem, dass die Erwähnung des Teufels in einem poetischen Text zur damaligen Zeit eigentlich unerhört sei.

Im Nibelungenlied stößt Horst Zimmermann nämlich immer wieder auf "christliche Schnörkel", gerade auch im Zusammenhang mit der Brautwerbung. Mit dieser Mission schickt der verwitwete Hunnenkönig Etzel seinen Gefolgsmann Rüedegêr von Bechelâren nach Worms. Die umworbene Braut, die ebenfalls verwitwete Kriemhild, ziert sich lange, der Werbung nachzugeben: einerseits aus Treue zu Siegfried, andererseits aus höfischer Sitte und drittens aus genauem Kalkül. Eines ihrer Argumente gegen eine Verbindung mit Etzel besagt, dass sie als Christin keinen Heiden heiraten könne. Horst Zimmermann meint, dass dieses Problem die Handlung nicht voranbringt und dass es als "fromme Floskel" vielleicht nur deshalb erwähnt wird, weil der Dichter wohl geistlichen Standes war und weil Mönche den Text abgeschrieben haben.

Der misstrauische Hagen rät von der Hochzeit Kriemhilds mit Etzel ab. Ihre Brüder dagegen haben ein schlechtes Gewissen und gönnen ihr das Glück. Aber Hagen weiß, was er tut und was er rät: Er hat Kriemhild den Nibelungenhort geraubt. Horst Zimmermann erklärte seinem Kirchheimer Publikum nun, wofür Kriemhild ihr Vermögen brauchen würde: "Die mittelalterliche Herrschaft war keine Herrschaft über Territorien, sondern über Personen." Die Herrscher wiederum banden diese Personen durch Freigiebigkeit an sich. Deshalb bedeuten Gold und Geschmeide im Mittelalter Macht. Diese Machtgrundlage hat Hagen Kriemhild entzogen, durch die Hochzeit mit Etzel bekommt Kriemhild dagegen unbegrenzte Macht. Sie kann frei über Etzels Reichtum und über seine Gefolgschaft verfügen, und an einer Stelle bemerkt Horst Zimmermann, dass Etzel im Ehebett zu noch weitaus größeren Konzessionen bereit ist.

"Menschliche Schwäche" macht der Mittelalter-Experte ohnehin als wichtigen Faktor für die Handlung des Nibelungenlieds aus. Nur deshalb raube Siegfried Brünhild den Ring und den Gürtel, nur deshalb gebe er beides an Kriemhild weiter und nur deshalb prahle Kriemhild beim Streit mit ihrer Schwägerin mit dem Besitz beider Gegenstände.

Rollenspiele seien ein weiteres Element der Handlung: Siegfried spielte Brünhild vor, Gunthers Vasall zu sein. Gemeinsam spielten die beiden Schwäger Brünhild vor, dass Gunther sie in der Hochzeitsnacht bezwungen hätte. Und nun zu Beginn des zweiten Teils ist es Kriemhild, die in eine neue Rolle hineinwächst: in die der Königin der Hunnen. Dazu dient die ganze Prachtentfaltung während ihrer Reise zu Etzel und während der anschließenden Hochzeitsfeier.

Noch auf ein letztes Rollenspiel legte Horst Zimmermann Wert, bevor er die sechste Folge seiner Nibelungen-Lesung in Kirchheim beendete: Kriemhild überredet Etzel, ihre rheinische Verwandtschaft an die Donau einzuladen. Sie spricht dabei von "Freunden", was damals auch "Verwandte" bedeutet, und Etzel glaubt ihr. Allerdings denkt sie etwas völlig anderes, sie denkt an ihre "Feinde". Weil Innenwelt und Außenwelt so sehr auseinandergehen, bezeichnet Zimmermann das Nibelungenlied als "einen der ersten psychologischen Romane". Die Lesung war somit wohl auch eine Reise ins Innere der menschlichen Seele.