Kirchheim

Der Vollbart diente als Atemschutz

Feuerwehrfahrzeuge zum Anfassen – Kirchheimer Wehr zeigt technische Entwicklung auf

Rund 50 Feuerwehrfahrzeuge, die zwischen 1903 und 2015 gebaut wurden, konnten die Besucher in Ötlingen aus nächster Nähe betrach
Rund 50 Feuerwehrfahrzeuge, die zwischen 1903 und 2015 gebaut wurden, konnten die Besucher in Ötlingen aus nächster Nähe betrachten. Fotos: Daniela Haußmann

Einsatzfahrzeuge aus über 110 Jahren Feuerwehrgeschichte gab es bei der zweiten Ausstellung der Freiwilligen Feuerwehr Kirchheim, Abteilung Ötlingen, zu sehen. Rund 2 000 Besucher kamen so hautnah mit Drehleitern, Löschfahrzeugen und allerhand technischem Gerät in Berührung.

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Daniela Haußmann

Kirchheim. Rund 50 Einsatzfahrzeuge aus den Landkreisen Esslingen, Stuttgart, Böblingen, Ludwigsburg und Tübingen reihten sich rund um das Gerätehaus der Ötlinger Floriansjünger auf. Große und kleine Besucher warfen neugierige Blicke in die Fahrerkabinen moderner und historischer Fahrzeuge. Tragkraftspritzen, Pressluftatmer und Kombigeräte, die bei Autounfällen zum Einsatz kommen, ließen sich nicht nur aus nächster Nähe betrachten. Die Feuerwehrleute erklärten interessierten Besuchern auch die Funktionsweise und die Einsatzgebiete der einzelnen Geräte.

Gerade die Oldtimer unter den Einsatzfahrzeugen führten vor Augen, dass die Floriansjünger in früheren Zeiten mit relativ einfachen Mitteln zu Bränden ausrückten. Laut Klaus Hirt­reiter vom Verein für historische Feuerwehrtechnik (VFH) in Kirchheim sind viele Feuerwehren in der Zeit der Bürgerlichen Revolution um das Jahr 1848 herum entstanden. Die Turnvereine seien damals die treibenden Kräfte für die Aufstellung freiwilliger Feuerwehren gewesen. „Ihre Turnerkleidung diente als Uniform. Sie rückten also in Baumwollkleidung zu Löscheinsätzen aus“, berichtete Hirtreiter. Bis zum ersten Weltkrieg hätten die Floriansjünger Nase und Mund mit wassergetränkten Tüchern bedeckt und so den Innenangriff bestritten. „Wer einen Vollbart hatte, teilte ihn in zwei Büschel und verstopfte mit ihnen die Nasenöffnungen. Das hielt Rußpartikel ab“, erklärte Klaus Hirtreiter.

Im Verlauf des Ersten Weltkrieges haben die beim Militär eingesetzten Gasmasken auch den Weg zur Feuerwehr gefunden. Während im 19. Jahrhundert die Brände mit Handdruckspritzen gelöscht wurden, kamen um die Jahrhundertwende Dampfspritzen auf. Eine von ihnen ist im Kirchheimer Feuerwehrmuseum zu sehen. „Die Dampfspritze Baujahr 1908 musste mit Pferden zum Einsatzort gezogen werden und es dauerte 20 Minuten, bis sie einsatzbereit war, weil sie die Feuerwehrleute erst einmal mit Holz anheizen mussten“, berichtete VFH-Vorsitzender Helmut Eiting.

Allerdings seien die Dampfspritzen dank des Verbrennungsmotors rasch von selbstfahrenden Einsatzfahrzeugen abgelöst worden. Wer schon einmal hinter dem Steuer eines Gefährts aus dieser Zeit gesessen hat, weiß laut Klaus Hirtreiter, woher die Berufsbezeichnung Kraftfahrer kommt. Ohne Servolenkung und mit Zwischengas war die Fahrt körperlich anstrengend. Davon abgesehen war die Alarmierung der Einsatzkräfte an heutigen Maßstäben gemessen ein abenteuerliches Unterfangen. 1920 wurde in Kirchheim eine Weckerlinie eingerichtet, die eine Alarmzentrale mit der Wohnung eines jeden Feuerwehrangehörigen verband. Sie aktivierte eine Glocke, die zum Einsatz rief. „Davor musste derjenige, dessen Haus brannte, zum Türmer laufen oder zur Polizei. Die läuteten dann die Glocke im Turm der Martinskirche“, erklärte Helmut Eiting. „Die Kameraden eilten dann zum Gerätehaus. Dort erfuhren sie dann, wo es brannte.“

All das ist kein Vergleich zu den High-Tech-Fahrzeugen und -Geräten, mit denen Feuerwehrleute heute ausgestattet sind. Ein Beispiel dafür war das Lösch-Unterstützungs-Fahrzeug (LUV 2) der Feuerwehr Stuttgart. Bei Tunnel- und Tiefgaragenbränden wird es von einem Feuerwehrmann über eine Fernbedienung gesteuert. Das LUV 2 ist mit Raupen ausgestattet, mit denen es über Geröll oder Treppen fahren kann. „Bei Bränden in Schienentunneln lässt sich das Gerät auf ein entsprechendes Fahrgestell setzen, mit dem es schienentauglich wird“, sagte Hauptbrandmeister Wolfgang Steck von der Stuttgarter Berufsfeuerwehr.

Abteilungskommandant Michael Gräßle war stolz darauf, dass es seinen Ötlinger Kameraden gelungen war, historische Löschzüge zu präsentieren. „Ein Zug besteht aus Löschfahrzeug, Hilfsgruppenlöschfahrzeug, Drehleiter und Einsatzleitwagen“, so Gräßle. „Die passenden Fahrzeuge einer Modellreihe und eines Herstellers im Gesamtpaket zeigen zu können, ist nicht leicht und selten.“ Deshalb freute er sich umso mehr, dass es den Abteilungskameraden gelungen war, der Öffentlichkeit dieses besondere Erlebnis zu bescheren.

Der Vollbart diente als Atemschutz
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