Lokale Kultur

Der Welle der Zerstörung folgt eine Woge der Hilfsbereitschaft

KIRCHHEIM Unter dem Motto "Kirchheimer Solidarität mit den Flutopfern" hatte die Evangelische Gesamtkirchengemeinde und der club bastion am Sonntagabend zu einem Benefizkonzert in die Martinskirche geladen. Was sich in der Ankündigung als kleiner Konzertabend

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RENATE SCHATTEL

las, entpuppte sich dann allerdings als ein über fünfstündiges Festival aller namhafter Kirchheimer Musiker, zu dem über 900 Besucherinnen und Besucher in die Martinskirche geströmt waren, um Geld und gute Laune zu spenden.

Auf Anfrage von Wolfgang Prelle habe man sich am Mittwoch, 29. Dezember, getroffen und innerhalb von nur zwei Stunden das Programm für das Konzert erarbeitet, erzählte And-reas Kenner vom club bastion. Dazu habe man keine Stars einkaufen müssen, denn alle Künstler und auch die benötigten Technikleute seien Kirchheimer Eigengewächse, die allesamt auf ihre Gage verzichteten.

Jeder wolle seinen Teil dazu beitragen, dass den Menschen in Südostasien geholfen werde, erklärte Willy Kamphausen in seiner Begrüßung. "Die vernichtende Welle der Zerstörung wurde von einer Welle der Solidarität und Hilfe abgelöst", stellte er fest. Das Benefizkonzert verstehe sich als Kirchheimer Solidarität mit den Flutopfern, insbesondere mit den tamilischen Gebieten von Sri Lanka, wohin das gespendete Geld dieses Abends gehen solle.

Zur Einstimmung entführte die Tanzgruppe der tamilischen Gemeinde in Kirchheim die Zuhörer in das ferne Land in Südostasien. Die Tänzerinnen Vethiga Srikanthan, Tackshana Yoganathan, Thuvataha Ravi und Deshiga Sivanesan waren in farbenprächtige Gewänder gehüllt und mit Blumenkränzen geschmückt. Zu lyrischen und rhythmischen Melodien tanzten sie mit großem Ausdruck und erfrischender Natürlichkeit. Anschließend berichtete die Schulleiterin der tamilischen Schule in Kirchheim, Ratha Sritharan, auf tamilisch über ihr Heimatland. Nirojne Vasathamothan übersetzte.

Die Insel Sri Lanka im Indischen Ozean habe 20 482 000 Einwohner, die tamilisch, sinqualesisch und englisch sprechen. Wirtschaftlich sei der Anbau von Tee und dessen Verkauf die Haupteinnahmequelle. Die dort lebenden Menschen gehörten dem Buddhismus, Hinduismus, dem Christentum und dem Islam an. Nach der Kolonisation wurde Sri Lanka am 4. Februar 1948 unabhängig. Da die Bevölkerung größtenteils aus Sinqualesen bestand, lag die politische Macht bei ihnen. "Deshalb wurden den Tamilen Rechte auf Bildung und Arbeit genommen", erklärte Ratha Sritharan den Konzertbesuchern.

Die Tamilen wohnen hauptsächlich im Norden und Osten des Landes. Sie wehrten sich gegen die Regierung und es kam zum Bürgerkrieg, in dem 100 000 Menschen aus ihren Dörfern fliehen mussten. Seit zwei Jahren bestehe durch den Friedensversuch der Norweger Waffenstillstand. Nun wurde das etwas beruhigte Land durch den Tsunami überrascht. Die Menschen verloren nicht nur ihr ganzes Vermögen, sondern ihr Leben. Jetzt verhindere die Regierung in Colombo jede Unterstützung für die betroffenen Tamilen, die dringend auf Hilfe angewiesen seien.

Die Bundestagsabgeordnete und Staatssekretärin Uschi Eid forderte die Besucher in ihrer kurzen Ansprache auf, angesichts des Elends nicht in Mutlosigkeit zu verfallen, sondern Solidarität zu zeigen. Im Namen des Bundeskanzlers dankte sie den Veranstaltern, Künstlern und Spendern für ihre tatkräftige Anteilnahme und versprach, dass das Geld wirklich dort ankomme, wo es benötigt werde. Sie wies aber auch darauf hin, dass es sinnvoll sei, Spenden nicht an einen Zweck zu binden, damit auch anderen Gegenden geholfen werden könne. "In Afrika ist jeden Tag Tsunami". Im Moment sei es wichtig, das Frühwarnsystem zu installieren, aber in der Folge müssten die Menschen in den Behörden ausgebildet werden, damit umzugehen. Michael Weustenhagen von der Diakonie-Katastrophenhilfe betonte, dass die Gelder dieses Abends nach Sri Lanka fließen werden.

Als erste musikalische Interpreten konnten "Die 2wei" begrüßt werden. Virtuos und fingerfertig spielten sie auf ihren Gitarren und sangen Songs von Simon & Garfunkel, Cat Stevens und den Beatles die zum Anlass passten, wie zum Beispiel "Wild World". Sie erzeugten mit ihrer eindringlichen Interpretation die gute Grundstimmung, die den ganzen Abend durch anhielt, ohne dass der traurige Anlass des Konzertes vergessen wurde. Die vier Herren von "The Blue Valentines" mit Jürgen Bartl als Sänger, überzeugten mit "neuen und alten" Blues-Stücken, ausdrucksvoll, heiter oder melancholisch.

Dekan Hartmut Ellinger freute sich, dass das Konzert in der Martinskirche stattfand, sei dies doch der Ort, an dem sich Menschen träfen, wenn sie ratlos seien. Auch nach der Kirchheimer Katastrophe 1690, als die ganze Innenstadt abgebrannt war, trafen sich die Menschen an diesem Ort, um ihre Ratlosigkeit und Verzweiflung zu äußern, aber auch, um nach neuer Hoffnung und Zukunft zu fragen. An diesem Abend drücke diese sich in lebendiger Musik aus.

Uschi Wiese und Paul Lawall ließen dann Hoffnung und Zuversicht in Gospel- und Blues-Liedern eindrucksstark erklingen, während Boris Kunz das Publikum mit schottischer und irischer Folklore erfreute. Zum Schluss des Abends begeisterten Werner Dannemann und Alexander Köberlein mit Eigenkompositionen.

Den ganzen Abend unermüdlich am Organisieren, Begrüßen und Informieren war Andreas Kenner, der sich zu später Stunde an der Mundharmonika versuchte. Ermutigt vom Erfolg des eigentlich so kurzfristig geplanten Konzertes war er sich klar, dass die Welt weiter zusammenrücken solle und solche Aktionen wiederholungswürdig seien.