Kirchheim

„Der Zocker“ geht aufs Ganze

Theater „Sobald etwas Spaß macht, wird direkt ein Problem daraus gemacht.“ Mit Zitaten ehemaliger Spielsüchtiger schafft Alexej Boris den Spagat zwischen Unterhaltung und Information über das Glücksspiel. Von Philipp Duba

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Wann fängt Glück an? So läutet Alexej Boris sein Theaterstück ein. Eine Frage, die Glücksspielfreunden zu denken gibt. Ab wann kann man von Glück sprechen, und ab wann gibt man sich damit zufrieden und hört auf? Die Antworten aus dem Publikum könnten ungleicher nicht sein: Die Schüler der Kirchheimer May-Eyth-Schule werden vom „Ein-Mann-Theater“ dazu animiert mitzumachen. Alexej Boris bezieht sie von der ersten Sekunde ein. Während des Stücks schlüpft der Schauspieler in drei Rollen, die alle mit unterschiedlichen Formen der Spielsucht zu kämpfen haben. Dadurch erklärt er die einzelnen Stufen bis zur Abhängigkeit.

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Nach der Vorstellung stellt sich Alexej Boris den Klassen vor, die bis zu diesen Zeitpunkt nur Bekanntschaft mit seinen Alter-Egos „Eugen“, „Charlie“ und „Claudia“ gemacht haben. Ab dieser Stelle geht es ruhiger zu. Die Schüler nutzen die Chance, Fragen zu stellen und seine Erfahrungen mit dem Glücksspiel kennenzulernen.

Verhängnisvoll ist das Anfängerglück vieler Menschen, die zum ersten Mal mit Glücksspielen in Berührung kommen: „Sie denken, sie haben ein System gefunden und es verstanden, aber bleiben dadurch daran hängen.“ Doch in Wirklichkeit lässt sich das Glück nicht beeinflussen.

„Knapp vorbei, ist fast getroffen, denkt sich unser Gehirn“, erläutert Alexej Boris und warnt: „Mathematisch gesehen ist 3 genauso wenig 21 wie 19.“ Mit diesem Vergleich macht er deutlich, dass Glücksspiele wie „Black-Jack“ dem Spieler nur das Gefühl geben, sich dem Sieg zu nähern. In Wahrheit sind sie so aufgebaut, dass so gut wie jeder früher oder später sein Geld verliert.

Große Brisanz steckt zudem in der „schnellen Belohnung“ von Spielautomaten und Sportwetten. Das Gehirn will Glücksgefühle, die hier zügig erreicht werden. Schließlich verzockt der Spieler immer mehr Geld. Heutzutage ist es problemlos möglich, in jeder Minute eines Fußballspiels einen Tipp abzugeben. Ein „zu spät“ existiert schon lange nicht mehr. Eine Live-Wette verspricht sofortige Belohnung. Und man versucht es immer wieder. Es ist eine Teufelsspirale, die bitterböse Konsequenzen zur Folge haben kann: zerstrittene Familien und im schlimmsten Fall Selbstmord. „Man sieht Menschen diese Sucht nicht an, es ist nicht wie bei Alkoholikern“, erläutert Alexej Boris. Schwierig ist es auch, der Sucht aus dem Weg zu gehen, denn in jeder Kneipe steht ein Spieleautomat. Nicht verwunderlich, dass 60 bis 70 Prozent der Ex-Spielsüchtigen rückfällig werden.

Aufführungen wie diese sollen dazu beitragen, dass es gar nicht soweit kommt. Ermöglicht hat dies die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen.

Mit lebhafter Mimik und wilder Gestik unterhält Alexej Boris die Max-Eyth-Schüler mit dem Theaterstück „Der Zocker“.Foto: Jean-L
Mit lebhafter Mimik und wilder Gestik unterhält Alexej Boris die Max-Eyth-Schüler mit dem Theaterstück „Der Zocker“. Foto: Jean-Luc Jacques