Lokale Kultur

"Deutschland, ein Wintermärchen"

WEILHEIM Da passte einfach alles zusammen. Der an Atmosphäre kaum zu überbietende und erfreulich voll besetzte Vortragssaal der Weilheimer Stadtbücherei mit seinen alten Balken und seiner guten

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Akustik, ein interessiertes Publikum, ein ausgebildeter Sprecher und natürlich der muntere Spott Heinrich Heines, der aus dem französischen Exil kommend mit ganz besonders wachem und kritischem Blick seine geliebte Heimat karikiert.

Was nicht ganz stimmte, war das Datum, doch etwas vorauseilender Gehorsam kann ja nicht schaden. Das Gedenken an den 150. Todestag des lästernden Literaten ist eigentlich erst am 17. Februar offiziell verordnet. Wer in einem Jahr der vielen Jubiläen aber zu gewissenhaft den richtigen Zeitpunkt abwartet, läuft möglicherweise Gefahr, von anderen überholt zu werden.

Bei allem Respekt vor dem zuweilen doch sehr respektlosen Spötter verzichtete Rudolf Guckelsberger im Vortragssaal der Weilheimer Stadtbücherei kurzerhand auf eine langatmige Einführung in Leben und Werk des so begeistert gefeierten wie gründlich gescholtenen "verlorenen Sohnes". Viel lieber ließ er ihn gleich selbst zu Wort kommen, den, der dem deutschtümelnden schwarz-rot-goldenen Bürgertum einfach den Rücken kehrte, um vom "frivolen Frankreich" aus über die blitzgefährlichen Pickelhauben zu lästern und "den preußischen Douaniers", die seinen Koffer "visitieren", nicht nur den Zerrspiegel hinzuhalten, sondern auch noch eine lange Nase zu drehen. Die von ihnen gefürchteten gefährlichen Schriften und "konfiszierlichen Bücher" trägt Heine nicht im Koffer, sondern im Kopf, der "wie ein zwitscherndes Vogelnest" ist.

"Deutschland, ein Wintermärchen", die ironiegespickte Verssatire, für die sich Rudolf Guckelsberger entschieden hatte, spricht für sich und braucht keine langen Erklärungen. Selbst Heines eigener Versuch, den Rezipienten seine Verse vorab schön zu reden, um zu erwartender Häme und Kritik etwas an Härte zu nehmen, war ja kläglich gescheitert. So war es dann für die versammelten aufmerksamen Zuhörer ein ungetrübtes und von Rudolf Guckelsberger noch virtuos gesteigertes Vergnügen, wie Heinrich Heine da zu Wort kam, als Vater Rhein mit "köllschem" Akzent vor sich hin murmelte oder gar als verführerische Glücksgöttin "Hammonia", die den verlorenen Sohn und geliebten Dichter und Denker in die Kammer lockte, um ihm schließlich einen allerdings nicht ganz so appetitlichen Blick in eine zudem keinesfalls allzu rosig riechende Zukunft zu gestatten . . .

"Vorzüglich", hatte Fürst Metternich einst über Heinrich Heine geurteilt und folgerichtig erkannt: "Der muss verboten werden." Büchereileiterin Diana Rupprecht stellte dem in ihrer Begrüßung Rudolf Guckelsbergers Überzeugung entgegen: "Der muss gelesen werden." Dass lustvolles Lauschen deutlich größeres Vergnügen bereiten kann, als selbst mit größter Leidenschaft betriebene eigene Lektüre, konnte der Rundfunkprofi einmal mehr beredt belegen.

Vor aufmerksamen Ohren wurde die dem jambo-trochäischen Versmaß verpflichtete Sprache Heinrich Heines zelebriert, dass es eine wahre Freude war. Routiniert schlüpfte Rudolf Guckelsberger nicht nur stimmlich, sondern auch dialektal in die unterschiedlichsten Rollen und machte die Begegnung mit dem vermeintlichen Nestbeschmutzer zum angenehmsten Vergnügen trotz oder gerade wegen der von Kaput zu Kaput sich steigernden Despektierlichkeiten, die heutigen Hörern natürlich deutlich mehr Freude bereiten können, als den damals in höchstem Maße betroffenen und entsprechend empörten Lesern.

Vielversprechendes Hörvergnügen stand auch im Mittelpunkt der Pause, denn der sehr erfolgreich literarische Lesungen anbietende Rundfunkprofi hatte auch ein paar CDs dabei, die man zwar nicht anhören, dafür aber ansehen und vor allem auch kaufen konnte. Darauf war dann auch die Antwort auf eine Frage zu finden, die in kleiner Runde am Rande des literarischen Abends plötzlich interessierte: Wie alt ist eigentlich Rudolf Guckelsberger?