Kirchheim

Die älteste Spinnerei ist Geschichte

Unternehmen Die Firma „Gottl. Hoyler sen.“ an der Dettinger Straße ist im frühen 19. Jahrhundert entstanden und bestand mehr als 150 Jahre lang. Nun ist das Gebäude abgerissen worden. Von Anne Hermann

Im Jahr 1999 wurde die Produktion im traditionsreichen Kirchheimer Unternehmen „Gottl. Hoyler sen.“ eingestellt, drei Jahre zuvo
Im Jahr 1999 wurde die Produktion im traditionsreichen Kirchheimer Unternehmen „Gottl. Hoyler sen.“ eingestellt, drei Jahre zuvor hatten die Inhaber Konkurs angemeldet. Gegen die Konkurrenz aus China konnten sie nicht bestehen. Nun wurde das Firmengebäude abgerissen.Foto: Anne Hermann

Bagger haben sich an den Gebäuden der ehemaligen Spinnerei „Gottl. Hoyler sen.“ zu schaffen gemacht. Bereits 1992 hatte die älteste Spinnerei Kirchheims ihre Tore an diesem Standort geschlossen. Jetzt gehört auch das vertraute Erscheinungsbild an der Dettinger Straße der Vergangenheit an. Bis zuletzt wurden die alten Fabrikgebäude zwischen Dettinger Straße und Schießwasen nur noch von wenigen gewerblichen Mietern genutzt. Künftig sollen auf dem Areal neue Wohnbauten und Gewerbebetriebe entstehen. Geplant ist der Erhalt eines historischen Silogebäudes, das an die frühere Nutzung erinnern soll.

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Unternehmer im 19. Jahrhundert

Die Gründung und der Aufstieg der ältesten Spinnerei am Ort ist eng verbunden mit dem Kirchheimer Wollmarkt und der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts intensiv betriebenen Schafzucht im Oberamtsbezirk. Schafwolle wurde von der ländlichen Bevölkerung im Nebenerwerb zu Webgarn gesponnen und von Tuchmachern wie Gottlieb Hoylers Vater verarbeitet. Dieser kaufte Wolle in großem Stil auf dem Kirchheimer Wollmarkt und ließ sie bereits 1830 von Schachenmayr in Salach auf Spinnmaschinen zu Garn verspinnen.

Sein Sohn Gottlieb, von Beruf Tuchscherer, erkannte die Vorzüge von maschinengesponnenen Garnen. Sie waren feiner und ergaben höherwertige Gewebe, die sich auf den Märkten besser verkaufen ließen. Deshalb beschloss er, dem technischen Fortschritt folgend, eine mechanische Spinnerei zu gründen. Von der Stadt erwarb er ein Grundstück in der Dettinger Au, auf dem er 1838 eine kleine, mittels Wasserkraft angetriebene Spinnerei direkt am Mühlkanal errichtete. Anfangs arbeitete Hoyler mit vier bis fünf Mitarbeitern als Lohnspinner für die Tuchmacher und Strumpfstricker in Kirchheim und Umgebung, später auch für auswärtige Tuchfabriken.

Immer ein Familienbetrieb

Nach seinem Tod übernahmen seine Söhne Ludwig August und Ernst den Betrieb, die wie ihr Vater eine vorsichtige Geschäftspolitik betrieben. 1891 erweiterte Ernst Hoyler, inzwischen Alleininhaber, die Spinnerei durch Ankauf der benachbarten Türkischrotfärberei von Schatz und Bühlstahl. Mit der dort vorhandenen Dampfkraft, die er zusätzlich zur Wasserkraft einsetzte, ließ sich die Produktion erheblich steigern. Nach dem Tod von Ernst Hoyler im Jahr 1912 übernahm sein Sohn Albert Hoyler die Firma. Als Reaktion auf den sich verschärfenden Wettbewerb beschloss er, das Spinnen von Baumwoll- und Mischgarnen für die Trikotwarenindustrie aufzunehmen und die Firma in eine Verkaufsspinnerei umzuwandeln. Das dafür erforderliche Kapital kam auch von dem Textiltechniker Ernst Zoep­pritz, der 1913 als Teilhaber in das Unternehmen eintrat.

Als eine neue Spinnhalle erstellt und mit modernen Maschinen ausgestattet wurde, brach der Erste Weltkrieg aus. Beide Gesellschafter sowie der überwiegende Teil der damals noch männlichen Belegschaft wurden zum Militärdienst einberufen. Nur notdürftig konnte der Betrieb aufrecht erhalten werden.

Die Nachkriegszeit war gekennzeichnet durch Kapitalmangel, starke Inflation, Kurzarbeit und Rohstoffknappheit. 1925 behalf sich die Firma durch Anbau einer Reißerei, in der aus Alttextilien Spinnfasern gewonnen und zu Garn verarbeitet wurden.

Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik versprach anfänglich einen wirtschaftlichen Aufschwung, die Beschäftigtenzahl stieg im Jahr 1936 auf rund 100 Mitarbeiter an. Doch bald wurden Wolle und Baumwolle sehr stark kontingentiert und im Sinne der Autarkiepolitik durch Zellwolle ersetzt. Für den Betrieb brachte der Zweite Weltkrieg erhebliche Einschnitte. Als nicht kriegswichtig eingestuft, wurde er letztlich stillgelegt. Ein bombengeschädigter Aachener Betrieb verlagerte seine Produktion in die Hoyler‘schen Fabrikhallen.

Wirtschaftswunder in Kirchheim

In der Nachkriegszeit brachten die Währungsreform und Marshallplan-Kredite die Textilindustrie wieder in Schwung. Neu eingebunden in die Weltwirtschaft nahm auch die Kirchheimer Spinnerei einen raschen Aufschwung. Sie spezialisierte sich auf hochwertige Garne aus Wolle, Kaschmir und Angorafasern, die von namhaften Herstellern zu modischen Strickwaren und Decken verarbeitet wurden.

Sichtbar wurde der Aufschwung auch an der schrittweisen Erweiterung der Shedbauten in Richtung Süden und der steigenden Zahl an Beschäftigten, die Ende der 1960er-Jahre mit 165 Personen einen Höchststand erreicht hatte. Hoyler zählte damals zu den modernsten Spinnereien der Bundesrepublik. Mit der kapitalintensiven Herstellung von Wollgarnen war die Firma trotz tief greifender Textilkrise noch lange Zeit wettbewerbsfähig.

Keine Chance gegen China

Als China Ende der 1980er-Jahre auch mit Fertigwaren aus hochwertiger Kaschmirwolle in die Märkte eindrang und Großkunden wie die Wolldeckenfabrik Weil der Stadt, Calwer Decken- und Tuchfabriken und der Angora-Wäsche-Hersteller Medima in Maulburg ihre Produktionsstätten schließen mussten, gab es auch für das in fünfter Generation geführte Familienunternehmen keine Rettung mehr. Im Jahr 1996 musste es Konkurs anmelden und 1999 die Produktion - zuletzt in der Spinnhalle von Leuze in Owen - einstellen.

Luftbild aus den 50er-Jahren: In der Nachkriegszeit boomte das Geschäft.Foto: Stadtarchiv Kirchheim
Luftbild aus den 50er-Jahren: In der Nachkriegszeit boomte das Geschäft.Foto: Stadtarchiv Kirchheim