Lokale Wirtschaft

Die Bezeichnung "Architekt" ist das Gütesiegel

"Bleiben Sie heiter", riet der Vorsitzende den versammelten Architekten in der Nürtinger Stadthalle und er gab den Rat aus gutem Grund: Den Architekten ist es schon mal besser gegangen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wie sie zurzeit herrschen, halten sich die potenziellen Bauherren stark zurück.

GÜNTER SCHMITT

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NÜRTINGEN "Wir wollen", sagte Karl-Albrecht Einselen, "den derzeitigen Zustand des Hoch- und Tiefbaues für ein paar Stunden vergessen auch die Politik ist nicht unser Thema." Damit waren Motto und Leitlinie für die Veranstaltung vorgegeben. Es galt, 50 Jahre Architektenkammer Baden-Württemberg zu feiern. Eingeladen waren die rund 400 Mitglieder der Kammergruppe Esslingen II, deren Einzugsgebiet praktisch mit dem Altkreis Nürtingen identisch ist.

Die Kammergruppe Esslingen I, deren Bereich sich stärker in Richtung Stuttgart erstreckt, zählt knapp 1000 Mitglieder, sodass in beiden Gruppen zusammen rund 1400 Architekten organisiert sind. Vorsitzender der Kammergruppe Esslingen II ist Karl-Albrecht Einselen aus Kirchheim, sein Stellvertreter Karl-Heinz Single aus Nürtingen.

Das Treffen der Architekten in der Nürtinger Stadthalle war als zwangloser Abend der Begegnung gedacht. Es ging, wie ein Besucher meinte, um alles, was man von Architekten nicht erwartet. Weit und breit waren keine Pläne zu sehen, gab es keine Modelle zu studieren und kamen erst recht keine Wettbewerbe oder gar ihre Gewinner zur Sprache.

Dafür lud die Architekten waren mit ihren Frauen gekommen eine Disco dazu ein, die Belastungsfähigkeit der Gelenke zu testen, gab es im Panoramasaal drei Spielfilme zu sehen, in denen es ausgesprochen oder entfernt um Architektur ging, und schließlich gab es eine reich bestückte Bar für all jene, die sich weder von der Disco noch von den Filmen unterhalten lassen wollten.

Natürlich ging Karl-Albrecht Einselen, der Vorsitzende der Kammergruppe Esslingen II, kurz auf den Grund für den gemeinsamen Festabend ein: Vor 50 Jahren, am 17. November 1955, verabschiedete der Landtag das Architektengesetz. Damit wurde zum einen der Schutz der Berufsbezeichnungen "Architekt", "Innenarchitekt" sowie "Garten- und Landschaftsarchitekt" beschlossen, zum anderen die Bildung einer Architektenkammer vorgesehen. Mit der Kammer als Körperschaft des öffentlichen Rechts übertrugen die Abgeordneten des Landtags den Architekten öffentliche Aufgaben.

Der Schutz des Titels "Architekt" zum Schutze des Verbrauchers ist laut Karl-Albrecht Einselen auch nach einem halben Jahrhundert noch aktuell. In eigener Verantwortung und Verwaltung gewährleiste der Berufsstand die Qualifizierung seiner Mitglieder. Nur wer in die Liste der Architektenkammer eingetragen ist, darf auch die Berufsbezeichnung führen. Voraussetzungen für die Aufnahme sind der Abschluss eines entsprechenden Studiums sowie eine mindestens zweijährige Berufspraxis im jeweiligen Tätigkeitsfeld. Der Verbraucher habe dadurch die Gewissheit, dass, "wo ein Architekt draufsteht, auch ein Architekt drin ist". Zu den Aufgaben der Architektenkammer gehört zum Beispiel, die Baukultur zu fördern und eine regelmäßige Fort- und Weiterbildung zu überwachen.

Heute zählt die Architekten- und Stadtplanerliste alleine in Baden-Württemberg rund 21 000 Mitglieder, so viele wie in ganz Frankreich. Als freie Architekten sind etwa die Hälfte davon Büroinhaber, während die andere Hälfte angestellt oder im öffentlichen Dienst beschäftigt ist.

Die hauptamtliche Geschäftsstelle in Stuttgart beschäftigt 34 Mitglieder, darunter Architekten und Rechtsanwälte. Diplomingenieur Wolfgang Riehle, Freier Architekt aus Reutlingen, ist seit 1998 Präsident und oberster Vertreter der Kammer.

Als Disc-Jockey hatte man für den Abend Thomas Breimaier aus Kirchheim gewonnen. In der gut besuchten Veranstaltung verbreitete sich rasch eine heitere und gelöste Atmosphäre. Erstens war man unter sich, zweitens war der offizielle Teil von erfrischender Kürze.