Lokale Wirtschaft

Die Erfolgsgeschichte startet mit viel Luft

So ganz geheuer war es Gottlieb Stoll wohl nicht, woran sein Sohn Kurt da im Keller tüftelte. Doch der Gründer der Firma Festo, die damals vor allem Holzbearbeitungsmaschinen herstellte, legte dem Filius auch keine Steine in den Weg, als der vor genau 50 Jahren begann, mit Luftdrucktechnik zu experimentieren. Es war der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die Festo zu einem Weltunternehmen machte.

KORNELIUS FRITZ

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ESSLINGEN Auf einer Messe in Chicago hatte Kurt Stoll 1950 die in Europa noch weitgehend unbekannte Luftdrucktechnik, auch Pneumatik genannt, zum ersten Mal gesehen. Und der junge Ingenieur erkannte schnell, dass dieser Technik, mit der sich monotone Arbeitsschritte automatisieren lassen, die Zukunft gehörte. Deshalb schrieb Stoll nicht nur als Erster in Deutschland seine Diplomarbeit über Pneumatik, sondern bemühte sich anschließend auch darum, die Innovation im Betrieb seines Vaters einzuführen. Dort wurden damals noch so handfeste Produkte wie Fräsmaschinen und Kettensägen produziert. "Ich bin meinem Vater noch heute dankbar, dass er mir diese Chance gegeben hat", sagt Kurt Stoll heute.

1955 begann der Sohn zusammen mit einem Mitarbeiter im Keller der Firma, die damals ihren Sitz in der Ulmer Straße hatte, den ersten Druckluftzylinder zu konstruieren. Noch im gleichen Jahr gingen die ersten Produkte in Serie und kamen unter anderem zum Einsatz, um Werkstücke, die man bis dahin mühsam von Hand in die Fräsmaschine einspannen musste, per Knopfdruck zu fixieren. Schon 1956 präsentierte Festo den ersten kleinen Katalog mit pneumatischen Teilen und Zubehör. Allerdings mussten Stoll und seine wenigen Mitstreiter in diesen ersten Jahren noch viel Überzeugungsarbeit bei den Kunden leisten: "Pneumatik war etwas völlig Neues. Das konnte man nicht einfach über den Ladentisch verkaufen", erinnert sich Lothar Müller, ab 1958 einer der engsten Mitarbeiter und Vertrauten von Stoll. So bot Festo schon bald Schulungen an, um die Kunden mit der Innovation vertraut zu machen. Ein Prinzip, das bis heute gilt und 1969 zur Gründung des Tochterunternehmens Festo Didactic führte.

In den 60er-Jahren ging es mit der Pneumatik stetig bergauf: "Wenn wir in einem Jahr mal keinen zweistelligen Zuwachs hatten, waren wir schon enttäuscht", erzählt Lothar Müller. Das größte Problem damals: "Wir haben kaum Leute gefunden, die die notwendigen Fachkenntnisse hatten." Diejenigen, die das Team verstärkten, bereuten es nicht: "Wir waren eine verschworene Gemeinschaft", erinnert sich der 71-Jährige. Die Pneumatik-Sparte war in den Anfangsjahren wie eine eigene Firma in der Firma, denn nach wie vor baute Festo auch Elektrogeräte zur Holzbearbeitung. "Wir waren die ,Luftis', die anderen die ,Holzwürmer'", verrät Müller die Spitznamen der beiden Sparten. Doch die "Luftis" waren auf dem Vormarsch. "Auf Messen haben wir immer demonstriert, welche neuen Anwendungen mit Pneumatik möglich sind", erzählt der gelernte Maschinenbautechniker. So kamen immer mehr Branchen auf den Geschmack: Ob für Verpackungsautomaten, Werkzeug- oder Druckmaschinen überall war plötzlich Festo-Technik gefragt.

Schon in den 60er-Jahren entdeckte auch ein Münchner Großbäcker, dass er mit Pneumatik 18 000 Brötchen pro Stunde formen kann. Womit er freilich nicht gerechnet hatte: Seine Bäckergesellen schmierten die Maschine mit Salatöl statt mit Getriebeöl. Zum Glück war schon damals auf den Kundendienst Verlass: "Ich war zwei Stunden später in München und habe die Maschine repariert", erzählt Müller. Der schnelle Vor-Ort-Service ist auch heute noch ein Markenzeichen des Unternehmens dafür ist es mit Niederlassungen in 176 Ländern der Welt präsent. Und der Trend zur Automatisierung ist ungebrochen. "Denken wir nur an Afrika, wo die Technik gerade erst entdeckt wird", sagt Unternehmenssprecherin Claudia Hackbarth, die zudem auf Anwendungsbereiche hofft, "an die wir heute noch gar nicht denken." Kaum Gefahr also, dass der Pneumatik in absehbarer Zeit die Luft ausgeht. Was Kurt Stoll vor 50 Jahren begonnen hat, beschäftigt bei Festo heute über 10 000 Mitarbeiter weltweit. Die "Holzwürmer" sind inzwischen nicht mehr dabei: Für die Sparte Elektrowerkzeuge wurde 2000 die eigenständige Firma "Festool" gegründet.