Lokale Kultur

Die Galerie der Stadt Wendlingen hält manche Überraschung parat

WENDLINGEN Die im jährlichen Wechsel in den Städten Kirchheim, Nürtingen und Wendlingen stattfindende Ausstellung "Kunst in der Region" überrascht auch diesmal

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AVILA EBERWEIN

wieder mit ihrem breit gefächerten Angebot auf hohem Niveau aus den Bereichen Malerei (Iris Alvarenga), Fotografie (David Graeter, Peter Otto), Plastik (Regina Weber) und Installation (Andreas Mayer-Brennenstuhl).

Wo soll der Besucher den Spaziergang durch die Galerie der Stadt Wendlingen beginnen? Die Wahl fällt schwer, schließlich bietet die aktuelle Ausstellung, vom Galerieverein Wendlingen großzügig und gekonnt in Szene gesetzt, auf jedem Stockwerk etwas ganz Besonderes. Fünf Künstler, fünf Kunstauffassungen, realisiert in vier Genres für Überraschungen ist auf jeden Fall gesorgt, an Abwechslung mangelt es wahrhaftig nicht.

Mit ihren überdimensionalen Ölbildern beherrscht die in Kirchheim lebende Künstlerin Iris Alvarenga das Erdgeschoss. Ihr Triptychon "Die Apfelbar" (Exponat Nummer 9) empfängt den Besucher unmittelbar beim Eintreten und fordert ihn, obwohl das Bild realistisch gemalt wurde, zur Auseinandersetzung heraus. Relativ leicht zugänglich scheint der obere Teilbereich, der mit einem in den blauen Himmel ragenden Strommasten einerseits und einer Palme andererseits den Gegensatz zwischen naturbelassener und technikorientierter Welt anzudeuten scheint. In der Mitte dann die namensgebende Apfelbar verlassen, in Pastelltönen gehalten, mit Blick auf die graue Stadt, ein Apfelrest auf dem Tresen. Ein bisschen Tristesse, ein bisschen Wehmut Stimmungslagen, die sich im dritten unteren Abschnitt zu schrillem Entsetzen und Verzweiflung steigern, wie sie in den zu Fratzen degenerierten Gesichtern der menschlichen Figuren erkennbar werden. Sündenfall und Apokalypse scheinen die Themen zu sein, die der Künstlerin hier den Pinsel führten.

Drei weitere Arbeiten Alvarengas, Porträts von Paaren in mehr oder weniger erotischem Kontext (Exponate 10 bis 12), stehen in reizvollem Kontrast zu David Graeters Fotografien, die auf der anderen Seite des Raumes zu sehen sind. Was hier groß und provozierend, ja fast grobschlächtig auf die Leinwand gebracht wurde, offenbart sich dort sehr bieder, brav und unauffällig Fotos, wie sie jedem aus dem Familienalbum hinlänglich bekannt sind. Und doch steckt mehr hinter diesen (nicht gestellten) Momentaufnahmen: Die scheinbare Harmlosigkeit trügt und offenbart sich beim längeren Betrachten als brüchige Oberfläche. Das Lächeln, der Blick der in den unterschiedlichsten Lebenslagen aufgenommenen Personen, sind für den Fotografen aufgesetzt und lassen kaum Rückschlüsse auf die wahren Empfindungen zu.

Ebenfalls Fotografien, jedoch ganz ohne Ironie und doppelten Boden, zeigt Peter Otto, dessen Aufnahmen von verlassenen Werkhallen ausgesprochen stimmungsvoll das Treppenhaus und einen Teil des Obergeschosses beleben. Der meisterliche Umgang mit dem Licht, das seinen Arbeiten die typischen, warmen Farben verleiht, der ausgewogene Bildaufbau, der fast schon grafisch anmutet, lassen den Betrachter zur Ruhe kommen und sich in der reinen Schönheit dieser Fotografien verlieren.

Spektakulär sieht sich der Besucher mit Exponat Nummer 15 "Websaal" in eine leere, stillgelegte Textilfabrik versetzt, die vom letzten Schein der Abendsonne erhellt wird. Das grafische Muster der unzähligen schlanken Säulen gibt dem Ganzen Struktur, der Blick von oben tut ein Übriges, dem Raum fast unendliche Weite zu geben. Bei aller formalen Strenge vermitteln Peter Ottos Fotografien doch intensive Stimmungen, die vor allem von leichter Wehmut angesichts dieser abgeblätterten, aber noch immer sichtbaren Schönheit der leeren Bauten geprägt sind.

In ganz anderen Welten bewegt sich dagegen Regina Weber, deren Plastiken aus dem Zyklus teilweise nicht nur gänzlich abstrakt sind, sondern sich auch nur im engen Farbspielraum von Schwarz und Weiß bewegen. Dabei sind der Kreativität dieser in Unterlenningen lebenden Künstlerin keine Grenzen gesetzt, deren Arbeiten aus Holz und Papier zwar ein verbindendes Konzept, nicht jedoch Gleichförmigkeit offenbaren. Hier erhebt sich eine schwarze Pyramide (Exponat Nummer 14), dort eine weiße Säule mit dreieckigem Grundriss (Exponat Nummer 23), oder eine solche in Schwarz mit viereckigem Grundriss (Exponat Nummer 28). Allen drei Arbeiten gemeinsam ist die Konstruktion: Kleine, matt bemalte Hölzchen und Ästchen wurden in mühsamer Kleinarbeit zu homogenen Flächen gefügt, die dennoch die durch das Material vorgegebene Struktur behalten haben. Diese kaum auffallende, aber durchaus wirksame Kombination von geometrischen geraden Linien und rauer, knorpeliger Oberfläche wirken besonders reizvoll und spannend, ein Effekt, der durch die Gegenüberstellung der beiden Farben Schwarz und Weiß noch unterstrichen wird. Ein ähnliches Prinzip, allerdings ganz anders realisiert (nicht mit Holz, sondern gefärbtes Sägemehl und Schaumfolie dienen als Material) findet sich in den Exponaten 21 und 22, wo das raffinierte Arrangement von Ornamenten faszinierende grafische Wirkung entfaltet.

Zum guten Schluss entführt Andreas Mayer-Brennenstuhl den Besucher nach "Arkadien" (Exponat Nummer 36). Vor dieser farbenfrohen Installation im Untergeschoss fühlt sich vor allem der Toto-Lotto-Spieler sicher pudelwohl, findet er doch hier das erträumte Urlaubsglück auf heimischem Boden: Liegestuhl unter Bäumen, die laufende Webkamera, das Meer, symbolisiert durch blaue Plexiglasscheiben, umringt von Werbeschildern der Toto-Lotto-Annahmestellen sind da nicht alle Wünsche endlich wahr geworden? Alles scheint eitel Sonnenschein, wäre da nicht die Leuchttafel an der Wand mit der Aufschrift "Die Künstler arbeiten umsonst", die den Bezug zum Untertitel dieser Arbeit liefert: "Idyllische Situation zum Nachdenken über die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen". So sorgenfrei, wie sich der Normalbürger dies vorstellt, ist das Leben der Künstler wohl doch nicht; ein bisschen Nach- und Mitdenken scheint somit angebracht.

Die interessante Ausstellung ist noch bis zum 23. Januar in der Weberstraße 2 zu sehen. Öffnungszeiten der Galerie der Stadt Wendlingen am Neckar: Mittwoch bis Samstag 15 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr.