Lokale Kultur

Die Göckel-Orgel brillierte erneut als Solo- und als Begleitinstrument

KIRCHHEIM Schon zum sechsten Mal konnte die ihres stets erfreulich zahlreichen Zuspruchs wegen längst zur Insitution avancierte Kirchheimer Orgelnacht in Sankt Ulrich veranstaltet werden. Vier abendliche Konzerte in Folge, bei denen

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FLORIAN STEGMAIER

die Orgel sowohl als Solo- als auch als Begleitinstrument glänzen kann, abgerundet durch ein kulinarisches Begleitprogramm in sommerlicher Atmosphäre, das ist die von Anfang an durchschlagende Idee der Kirchheimer Orgelnacht.

Einen klangmächtigen Auftakt Orgel zu vier Händen und vier Füßen bildete die Darbietung von Johann Alberchtsbergers "Präludium und Fuge" C-Dur durch die beiden jungen Interpretinnen Monika Striker und Susanne Walcher, die derzeit an der Stuttgarter Musikhochschule bei Professor Jürgen Essl studieren.

Ihre sich anschließenden solistischen Vorträge, beides gewichtige "Brocken" des romantischen Repertoires, Strikers Interpretation der "Introduktion und Passacaglia" f-Moll von Max Reger, bei der die hochalterierte, expressive harmonische Fülle dramatisch ausgelotet wurde, sowie Walchers nicht minder virtuose Deutung des "Präludiums und Fuge über Bach" von Franz Liszt rundeten das erste Konzert des Abends auf höchst gelungene Weise ab.

Schon seit einigen Jahren stehen die Kirchheimer Orgelnächte unter dem Motto "Orgel plus..." und wissen das Musikpublikum stets aufs neue mit vermeintlich ungewöhnlichen Kombinationen, einhergehend mit oft zu Unrecht selten aufgeführtem Repertoire zu überraschen.

Diesmal gesellte sich mit Justin Heinrich Knechts musikalischer Schilderung "Die durch ein Donnerwetter unterbrochene Hirtenwonne" zunächst die Pauke zur Orgel. Der Biberacher Komponist und Musikschriftsteller J. H. Knecht, ein wenn auch in anderer Tradition stehender Zeitgenosse Haydns und Mozarts, dürfte den meisten Musikfreunden neben der "Hirtenwonne" insbesondere durch sein Tongemälde "Die Auferstehung" bekannt sein, das anschaulich den Improvisationsstil in Süddeutschland um 1800 widerspiegelt.

Im Gegensatz zu seinen ausdrucksstarken Psalmkantaten werden besagte Stücke jedoch gern als Kuriosa aufgeführt, manchmal mehr belächelt als geschätzt. Von solch einer plakativen Herabwürdigung der "Hirtenwonne" war jedoch in der Darbietung durch Edith Mädche (Pauke) und Ralf Sach (Orgel) nicht das Mindeste zu hören. Im Gegenteil, in ihrer bei aller Drastik der musikalischen Abbildung durchweg sensibel zu nennenden Deutung machten die beiden Künstler erlebbar, dass sich musikalischer Effekt und interpretatorischer Geschmack keineswegs ausschließen müssen.

Noch einmal "Orgel plus . . . ", dieses Mal mit Saxofon. Spätestens seit Jan Garbareks Crossover-Ausflügen in die sogenannte "Alte Musik" dürfte klar sein, dass sich das Saxofon nicht nur im Jazz-Keller, sondern auch im Sakralraum zu behaupten weiß.

Rolf-Rüdiger Most (Saxofon) und Ernst Leuze (Orgel) brachten das Concerto in C-Dur von John Baston sowie Johann Sebastian Bachs 2. Brandenburgisches Konzert zu Gehör und ließen in ihrer durchweg organischen und stimmigen Darbietung nicht im Ansatz den Gedanken aufkommen, man werde aufgrund der Instrumentenkombination Zeuge eines eigenwilligen, sich den Gepflogenheiten der historischen Aufführungspraxis bewusst entgegenstemmenden musikalischen "Exotismus". Vielmehr entstand der Eindruck eines schlüssig dastehenden, den spätbarocken Originalen mit Respekt und Spielfreude begegnenden Klangbilds. Ergänzt wurde die Programmfolge durch zwei Solodarbietungen auf der Orgel, Buxtehudes "Präludium und Fuge" in D-Dur und Bachs "Präludium und Fuge" in G-Dur. Die Vokalmusik stand dann im Mittelpunkt des vierten und letzten Konzerts mit dem Kammerchor "Vox Humana". Unter der Leitung von Christop Denoix erklangen Vertonungen von Orlando di Lasso, Giovanni Croce und Heinrich Schütz.

Im zweiten Teil des Programms gab es dann Kompositionen von Johannes Brahms etwa sein "Abendständchen" nach einem Gedicht von Brentano und das von Dekanatskirchenmusiker Thomas Specker an der Orgel begleitete op. 66 "Ecce Panis Angelorum" aus der Feder von Felix Alexandre Guilmant. Der Kammerchor vermittelte stets den Eindruck einer feinsinnigen, im Ausdruck sich äußerst differenziert und modulationsfähig gebenden Klangkultur, die sowohl den frühbarocken wie auch den spätromantischen Werken gleichermaßen gerecht werden konnte.

Zum Abschluss der Orgelnacht, deren Spendenerlös der neuen Orgel in Maria Königin zugute kommt, erlebten die trotz vorgerückter Stunde noch zahlreichen Besucher nochmals "Orgel pur".

Thomas Specker brachte "Carillon de Westminster" aus den Pièces de Fantaisie von Louis Vierne zu Gehör, eine äußerst beliebte, bei allem Anspruch für den Organisten auch dankbare Komposition, die wohl derzeit an keiner anderen Kirchheimer Orgel so schön klingt wie in Sankt Ulrich, ist doch die dortige Göckel-Orgel auf die Klangideale der französischen Orgeltradition geradezu maßgeschneidert.