Lokale Kultur

„Die Hölle, das sind die anderen“

Theater 58 aus Zürich gastierte im Rahmen des Kulturring-Abonnements in der Kirchheimer Stadthalle

Kirchheim. „Die Hölle, das sind die anderen“, lautet die düstere Bilanz, die Jean-Paul Sartre in seinem 1944 uraufgeführten Stück „Geschlossene Gesellschaft“ formulierte. Wer frisch

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Wolf-Dieter truppat

einer geschlossenen Anstalt entkommen ist und plötzlich unter strenger Beobachtung lernen muss, im alltäglichen Wahnsinn zurechtzukommen, würde diese Formulierung sicher uneingeschränkt unterschreiben.

Bei dem im Rahmen des Theaterabonnements des Kulturrings in der Stadthalle angebotenen Gastspiels von Theater 58 aus Zürich stand ein nicht zuletzt durch die Filmadaption längst zum Klassiker avancierter aber keinesfalls leicht zu vermittelnder Stoff auf dem Prüfstand.

Regisseur André Revelly gelang mit einer stimmigen Inszenierung dank hervorragender Mitstreiter auf der Bühne das Kunststück, mentale Krankheit zum Thema zu machen, zum Nachdenken anzuregen, trotzdem gut zu unterhalten und nie den Respekt vor den keinesfalls „vorgeführten“ Kranken zu verlieren. Kenntnisreich und verständnisvoll wurden sie mit all ihren zu akzeptierenden, von der Norm abweichenden Eigenheiten vorgestellt, um einfühlsam für Verständnis und ein Mehr an Toleranz für sie zu werben.

Der von Ängsten getriebene, um perfekte Ordnung bemühte, in abenteuerliche Fantasien sich flüchtende und daher eher lebensuntaugliche Intellektuelle Elling (Elmar Schubert) musste ausgerechnet mit seinem vorwiegend magen- und testosterongetriebenen „Blutsbruder“ Kjell Bjarne (Maurillo Nussio) zwangsläufig eine Gemeinschaft bilden. Nachdem sie sich in einer geschlossenen Abteilung kennengelernt hatten, müssen die sich diametral gegenüberstehenden Charaktere nun gemeinsam den ungemein schweren Sprung ins ganz „normale“ Leben schaffen.

Dass das gelingt, überrascht nicht. Wie sie über größte Herausforderung hinweg ihr Schicksal meistern und auch noch die hochschwangere Mitbewohnerin (Pascale Jordan) mit über die Runden bringen, fasziniert, erheitert und sorgt für die erforderliche Normalität.

„Mister Bean“ Rowan Atkinson hätte sicherlich seine Freude an Elmar Schuberts zuweilen so elegisch wie ekstatisch daherkommenden Elling, der in der ungewohnten und auch nie ganz gemeisterten Freiheit plötzlich seine Liebe für freie Reime entdeckt und Lyrikabende besucht. „Orang Utan“ Maurilio Nussio entwickelt gleichzeitig einen von ihm so nie zu erwartenden Beschützerinstinkt. Die so lasziv wie naiv zwischen den ungleichen Freunden zündelnde Pascale Jordan kann die auf eine harte Probe gestellte Männerfreundschaft aber eigentlich nie ernsthaft gefährden.

Björge Hehner muss als pragmatischer, aber von privaten Problemen geplagter Sozialarbeiter dankbar sein, dass seine beiden „Sorgenkinder“ das ihnen so schwierig erscheinende „normale“ Leben erfreulich gut meistern. 2002 enorm erfolgreich verfilmt und für den Oscar nominiert, hat die von Ingvar Ambjörnsen geschriebene und von seiner Frau Gabriele Haefs ins Deutsche übersetzte Theateradaption für einen kurzweiligen Abend gesorgt, der Unterhaltung bot, ohne unterprivilegierte Menschen zu denunzieren und an den Pranger zu stellen.

Einen maßgeblichen Beitrag zum Erfolg der Inszenierung leisteten auch Maggie Zoggs Kostüme, die schon auf den ersten Blick die kaum zu überbietende Unterschiedlichkeit der beiden Hauptakteure unterstrich. Ellings vor Unsicherheit strotzende Manieriertheit wurde schon an seiner Kleidung erkennbar, die er immer wieder akkurat zurechtzupfen und in Form bringen wollte. Der nur an der Oberfläche grobschlächtige Naturbursche Kjell hatte solche Probleme nicht und stiefelte zumindest anfangs eher frustriert und mit ausgebeulten Hosenbeinen und dicker Wollmütze durch die völlig unwirtliche Wohnung.

Dani Bodmers spartanisches und doch wirkungsvolles Bühnenbild setzte dabei gelungene, feine Akzente. Ein paar Stühle, ein Tisch und ein Regal mussten genügen, um die eher gebremste Gemütlichkeit der neuen Heimat der ehemaligen Heiminsassen zu vermitteln. Dass Kjell Bjarne noch ein knallrotes Kuschelkissen mit auf den Weg bekam, war folgerichtig. Die erotischen Verlockungen der großen neuen Freiheit wickelte er schließlich vorwiegend telefonisch ab – und zweifellos nicht über die Telefonseelsorge . . .

Ein schlanker Rahmen genügte, um die Geborgenheit des von einem Sozialarbeiter geschützten Wohnens im neuen Zuhause zu symbolisieren, das zwischen den Bildern immer wieder von einem Licht der Hoffnung und Geborgenheit erhellt wurde.

Wem die Inszenierung von André Revelly zu knapp erschien, kann in Ingvar Ambjörnsens Buch „Elling – Alle Romane in einem Band“ mehr über die beiden liebenswerten Sonderlinge lesen und wie bei „Forrest Gump“, „Rainman“ oder „Einer flog über das Kuckucksnest“ viel lernen über angebliche Normalität, die aus einer anderer Perspektive oft völlig verrückt erscheinen kann.