Lokale Kultur

Die letzte Gans fliegt zum Fenster raus

ESSLINGEN Kaum ist es öffentlich, dass Hans Hummel, der Esslinger Meister gut schwäbischer Gaumenfreuden, nach Wendlingen zieht, wird auch schon sein Andenken in Buchform verewigt. In dem reich bebilderten Band "Schwäbische Wirtschafts-Wunder im Kreis Esslingen" setzt Renate Seibold-Völker der Weinstube Eißele ein Denkmal: "Die letzte Gans wirft der Hummels Hans zum Fenster raus."

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Bei der Buchpräsentation in besagter Seracher Lokalität bittet Seibold-Völker den Wirt eindringlich, doch auch seinen Nachfolger, über den am Wochenende entschieden wird, in dieser urigen Sitte zu unterrichten. Denn nachdem Hummel "so ungefähr 400 bis 500 Enten und Gänse pro Saison" seinen Gästen kredenzt hat, öffnet er am 19. Dezember das Fenster und wirft das letzte gefrorene Tier seinen Gästen hinterher. "I koa's oifach nemme riecha", erklärt Hummel.

Doch nicht nur den "Wirtschaftsprofi" Hummel lässt das Journalisten-Trio Seibold-Völker, Astrid Schlupp-Melchinger und Gunther Nething in seinem Werk zu Wort kommen. 13 Wirtshäuser stöberten sie auf und kehrten mit einer bunten Bierdeckellese zurück.

Aus Esslingen nahmen sie noch den Weinkeller Einhorn in die erlauchte Gesellschaft der 13 bierseligen Heiligtümer auf. Der Wirt, Fritz Weiß, "echter Schwabe und Mercedes-Fan", hat schon den Mika Häkkinen und David Coulthard zu einem Boxenstopp in der Altstadt gehabt.

Aber von wegen Heiligtümer. Manfred Rommel, ehemaliger Stuttgarter Oberbürgermeister, spricht im Vorwort vom Wirtshaus als Hort musischer Inspiration: Der Dichter Friedrich Schiller habe Württemberg sogar auf "Wirt am Berg" zurückführen wollen. Bodenständigere Heilige kommen am Samstag ins Rössle in Kirchheim-Ötlingen in Gestalt der evangelischen und katholischen Geistlichkeit "von hendarei". Denn der Haupteingang ist nur montags geöffnet. "Damit die Grässles die Schanklizenz nicht verlieren", erläutert Seibold-Völker.

Die anderen Geheimtipps beinhalten die politisch links angehauchte Wohnküchenatmosphäre des "Anker" Bernhausen. Oder die Weinstube Alte Vogtei in Köngen, wo in einem ehemaligen Kuhstall gekocht wird. Oder den "Grünen Baum" in Römerstein-Donnstetten, wo sich traditionell das Dorf mit Bürgermeister und Förster zur Buchen-Holzversteigerung trifft. Allen gemeinsam ist die bodenständige Gastlichkeit, die der Fotograf Gottfried Stoppel ganz ohne Zusatz-Beleuchtung auf Zelluloid bannte.

Mit seinen Fotos schuf er eine Lobeshymne in zarten Schwarz-Weiß-Tönen auf eine schwäbische Institution. Vielleicht sogar einen Schwanengesang. Renate Seibold-Völker kann nicht vorhersagen, wie lange dieser Typ Wirtshaus noch existieren wird: "Vielleicht ist unser Buch in zwanzig Jahren schon ein Geschichtsbuch." Dann muss man Hans Hummels Maultaschen mit butterweicher Zwiebelschmelze im Wendlinger Golfclub zu sich nehmen.

ez