Lokale Kultur

Die Machenschaften der Macht

KIRCHHEIM Friedrich Schiller bezeichnete Wallenstein als "Stoff, ich darf wohl sagen, im höchsten Grad ungeschmeidig für einen solchen Zweck". Mit "solchem Zweck"

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RENATE SCHATTEL

war gemeint, aus der sperrigen, historisch höchst umstrittenen Biografie des Alfrecht Wenzel Eusebius von Wallensteins, erfolgreicher Kriegsherr im Dreißigjährigen Krieg, ein Theaterstück zu schreiben.

Schiller schrieb eine Trilogie mit einer Gesamtaufführungsdauer von elf Stunden, erlaubte aber den Theatern, eine einzige Aufführung mit vier Stunden Spielzeit daraus zu machen. Manuel Soubeyrand und Reiner Müller von der Württembergischen Landesbühne Esslingen kürzten die Trilogie auf eine Gesamtspielzeit von zweieinhalb Stunden und inszenierten eine packende, vielschichtige Tragödie, die auch und besonders durch die in hohem Maße ästhetischen blutroten Kostüme (Jenny Schall) und das Bühnenbild mit sterilem Paraventsystem (Michaela Springer) lebte.

Großen Wert legten Intendant Manuel Soubeyrand und Dramaturg Reiner Müller auf die originale Schillersprache und behielten deshalb so weit wie möglich die Schriftfassung bei. Dass es heute durchaus Spaß machen kann, die Schillerschen Jamben formvollendet zu sprechen, bewies beeindruckend deutlich und rhythmisch Robert Eder als Max Piccolomini. Leider zumindest in den letzten Reihen nicht immer verstanden wurde Thomas Gräßle als Wallenstein in der Aufführung des Kulturrings.

Der erste Teil des dramatischen Gedichtes, "Wallensteins Lager", fasste Thomas Beckmann in einem Videofilm zusammen, in dem prächtige Landschaftsaufnahmen und historische Gemälde mit Aufnahmen von Kriegen des 20. Jahrhunderts kontrastierten, unterlegt von Vivaldis "Vier Jahreszeiten".

"Krieg ernährt Krieg", damals wie heute. Wallenstein war für Reiner Müller ein privater Kriegsmacher, der sein eigenes Heer finanzierte, ein Aufsteiger, der mit den Mitteln des Verrats zu immer mehr Macht gelangte und dann selbst verraten wurde. Die komplexen Strukturen der Macht in Schillers Tragödie sind heute so aktuell wie 1634, als Wallenstein Opfer und Täter des Verrats zugleich ermordet wurde und Schiller beginnt sein Drama wenige Tage vor Wallensteins Tod, ein geschickter Kunstgriff.

Wallenstein tritt in Manuel Soubeyrands Inszenierung ins Rampenlicht mit pelzumkragtem Feldherrenmantel und Lenin-Mütze, undurchsichtig, in sich gekehrt. Thomas Gräßle spielt keinen befehlsgewohnten Haudegen, keinen säbelrasselnden General, kämpft strategisch, intellektuell und macht seine innere Wandlung vom Sieger zum Verlierer leise, ganz leise mit sich ab. Langsam dämmert ihm: "Wär es möglich? Könnt ich nicht mehr, wie ich wollte?" bis hin zum entsetzten "Mich, mich verrät man!" Frei von Verrat und Intrigen ist das Liebespaar, das Schiller, damit das Stück eine gewisse Gefälligkeit erlangte, hineingedichtet hat. Wallensteins Tochter Thekla, schulmädchenhaft verkörpert von Kristin Göpfert, und Max Piccolomini, hinreißend impulsiv Robert Eder, schwören sich Liebe bis in den Tod.

Ist der erste Teil der Inszenierung von Manuel Soubeyrand auch sehr statisch, von langen Schweigepassagen durchsetzt, handlungsarm, wird umso dramatischer und lebendiger das große Sterben inszeniert. Der Vater von Max, Octavio Piccolomini als Drahtzieher der Ermordung Wallensteins, wird sachlich nüchtern gespielt von Dieter Schulz. Sein ausführendes Organ Buttler alias Philipp Alfons Heitmann emotional.

Die Gefolgsleute Wallensteins fallen sichtbar ab von ihm, aus den flammend roten Kostümen werden bräunliche, Wallenstein legt das Königsattribut, den Pelzkragen ab, die schützenden Paravent-Trennwände sind geöffnet, der Untergang naht und wird in einer grausam-packenden Szene umgesetzt, intrigant in die Wege geleitet von Octavio: "Ich bin an dieser ungeheuren Tat nicht schuldig", ausgeführt vom Belohnung verlangenden Buttler: "Eure Hand ist rein. Ihr habt die meinige dazu gebraucht", nämlich: "Ich hab das Reich von einem furchtbarn Feinde befreit!"

Das Ensemble der Württembergischen Landesbühne Esslingen präsentierte die Machenschaften der Macht in einer subtilen, vielschichtigen Inszenierung, die anzusehen sich lohnt.