Lokale Kultur

Die Musik wirkte generationenübergreifend

Die Elektro-Rocker „Yeah!“ und die junge Formation „Irgendwas mit Kevin“ enterten die Kirchheimer Bastion

Kirchheim. Bevor am Samstagabend die Elektro-Rocker „Yeah!“ die Bühne der Kirchheimer „Bastion“

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Heinz Böhler

enterten, heizte eine junge Formation den Laden ein, die sich den Projektnamen „Irgendwas mit Kevin“ gegeben hatte und den Abend mit einer Mixtur aus Swing, Bebop und Nu-Jazz eröffnete. Die Szene hatte dem Ruf beider Bands Folge geleistet, sodass der Keller des Traditionsklubs am Schweinemarkt nicht brechend, aber gut voll wurde.

Er heiße nur mit zweitem Vornamen Kevin, bekräftigte Pianist Michael Holder seine Weigerung, den Projektnamen des Support-Acts auf seine Person bezogen wissen zu wollen. Der Name sei Schlagzeuger Thilo Adam eher zufällig eingefallen. Bassist Brian Thiel und Gitarrist Johannes Mann hielten sich da lieber raus und machten, was sie sehr gut konnten: Musik. Musik von Charlie Parker und anderen Größen der Zeit, als ein Miles Davis frischen Wind in eine völlig verkokste und heroinzerfressene Szene brachte. Michael Holders Eigenkompositionen nahmen den Geist dieser Epoche auf und bereiteten den Boden für die den Auftritt von „Irgendwas mit Kevin“ beschließende Überraschung des Abends, als Pablo Lawall mit seinem Partner David Guambe mit Unterstützung der Band zwei Stücke darbot, die den Gesangsstil des Hiphop mit dem Jazz der Band und den elektronischen Klängen von Synthesizer und Vocoder eine fruchtbare Verbindung eingehen ließen.

Einer kurzen Umbaupause folgend, ging es dann mit der ebenfalls aus Kirchheim stammenden Formation „Yeah!“ etwas strammer zur Sache. Saxofonist Chris Schock sowie seine Kollegen Philipp Lawall an den Keyboards und Leo Hilsheimer hatten einen neuen Drummer mit dabei, der mit seinen Beats für Furore und gemeinsam mit den trockenen Bassgrooves für ein packend-knackiges Rhythmusgerüst sorgte.

Gleichförmige Wiederholungen einzelner Licks und manchmal seltsam schwebende Klänge aus Vocoder, Saxofon und Tasteninstrumenten ließen die Zuhörer in fast trance-ähnliche Zustände fallen oder gespannt warten, wie sich die Sounds des Quartetts denn nun weiterentwickeln würden. Klänge, die in der Bastion nicht eben an der Tagesordnung sind, hielten Alt und Jung in Atem. Niemand konnte sich der Faszination dieser Mischung aus archaisch anmutenden Rhythmen und elektronischen Raumklängen ganz entziehen. Selbst die nicht eben zahlreich erschienenen Stammgäste der Bastion, die man eher bei Blues- Rock- oder Postpunk-Konzerten zu sehen pflegt, wippten begeistert mit, und nur wenige suchten vorzeitig den Ausgang.

Dafür sah man selten so viele „Hoodies“ und Strickmützen in dem alten Gemäuer am Ostende der Kirchheimer Altstadt. Und wie das Publikum so wirkte auch die Musik von „Yeah!“ irgendwie generationenübergreifend. Vieles des am Samstagabend Gehörten ließ die Erinnerung an die 70er-Jahre wieder hochkommen, speziell an die Musik der legendären Deutschrock-Band „Can“ mit ihrer für die damalige Zeit äußerst futuristisch anmutenden Experimentierfreude.

Zuweilen scheint der Regress auf die Sounds der 70er auch durchaus gewollt, ist er doch mit den heutigen Mitteln relativ leicht zu erreichen. Wer hätte damals gedacht, dass der Originalklang einer Hammond-Orgel heute aus einer Kunststoffschachtel hervorzuzaubern wäre, die nur deshalb einen Meter lang ist, weil die Tastatur nur unter heftigem Komfortverlust kleiner zu haben wäre. Auch Synthesizer (mit Vocoder-Anschluss) standen damals bereits zur Verfügung. Doch was seinerzeit rund drei Kubikmeter umbaute Kupferdraht- und Elektronikteilgeflechte in Anspruch nahm, passt heute auf ein zartes Metallständerlein neben dem Mikrofon und ist mit einer (kundigen) Hand leicht bedienbar.

In Grenzen dagegen hält sich die Veränderung bei Bass und Schlagzeug. Wenn Trommler Lorenz seinen Sound ändern will greift er, wie am Samstag, zu bewährten Hilfsmitteln, beispielsweise zu einem Handtuch, das, auf das Fell gelegt, dem Standtom einen deutlich weicheren Klang entlockt. Man sieht also, dass sich die Musik im Zuge der Generationenwechsel, zwar verändert hat, es im Grunde aber nicht die sprichwörtlichen „Welten“ sind, die sich da zwischen die Altersgruppen geschoben hätten. Und noch etwas ließ sich am Samstag feststellen: Wenn junge Musiker, Mitte 20 etwa, heute Stücke für ihr Repertoire bei Charlie Parker (gestorben 1955) entlehnen und ihre eigenen Stücke im Stil jener alten Helden schreiben, dann gilt fürwahr der Satz „Jazz is not dead!“ noch für ein paar Tage.