Lokale Kultur

Die neu entdeckte Ästhetik von "Orangenhautdellen" und "Besenreisern"

KIRCHHEIM Wer den Abend mit Eva Eiselt und Christine Prayon durchlebt und durchlitten hat, weiß endlich, wozu Menschen in der Lage sind, denen die Bundesanstalt für Arbeit ohne Erbarmen im Nacken sitzt. Wer jung und hübsch ist und "unbedingt das Geld braucht", kannes als Frau erstaunlich weit bringen.

Anzeige

WOLF-DIETER TRUPPAT

Wer dagegen illegal von "ALG I" leben muss und dem fast jedes Mittel recht ist, um nicht in die Mühlen von "Harz IV" zu geraten, hat ein hartes Los zu meistern. Das machten "Top Sigrid" in schmerzhaften Selbstversuchen deutlich.

Ihre konsequente Flucht in den kabarettistischen Untergrund kann natürlich auf Dauer keine Lösung sein, denn sie ziehen dadurch auch grundsätzlich Unschuldige mit in den sie selbst schon genug umtreibenden Teufelskreis hinein. Dass sich die Mitglieder des Publikums mit schuldig machen, wenn sie sich mit den angebotenen Absurditäten des Alltags im Rahmen ihrer Möglichkeiten vergnügen, wurde ihnen gleich zu Beginn des eigentlich "illegalen Auftritts" zwar gesagt doch gab es zu diesem Zeitpunkt schon längst kein Entrinnen mehr aus der Folterkammer unter dem Bastionsdach.

"Wir machen alles" versprechen die beiden skrupelresistenten Kabarettistinnen, die immerhin noch soviel Rückgrat und Stolz besitzen, dass sie glauben, nicht nur auf ein Klavier, sondern mit Männerwitzen auch auf die zweite "schreckliche Standardwaffe im Frauenkabarett" verzichten zu können. Wer im Lauf der oft hanebüchenen Handlung halbwegs begreift, was sich hinter dem vollmundigen Versprechen, alles zu machen, tatsächlich verbirgt, muss zugleich erkennen, dass dieser harmlose Satz auch als eine ernsthafte und nicht mehr abwendbare Drohung verstanden werden kann.

Im unbarmherzigen Kampf um das blanke Überleben können sich die beiden vorwiegend auf Kleinkunstbühnen und in schummrigen Kellerräumen singend und tanzend agierenden "Geheimdienstlerinnen" im Auftrag drastischen Humors nur wenig leisten Skrupel freilich überhaupt nicht.

Der erst vor wenigen Wochen von Volkmar Staub als "edler Wilder" im Bastionskeller losgetretene Trend, gegebenenfalls auch "topless" vor dem gnadenlosen kabarettistischen Ganzkörpereinsatz nicht zurückzuschrecken, wurde vom enthüllungsbereiten Agenten-Duo "Top Sigrid" über mögliche Schmerzgrenzen hinaus weitergeführt. Immer wieder flogen Kleidungsstücke in die Gegend, um mit blanker Haut zu punkten oder auch nur erbarmungslos zu provozieren.

Das so düstere wie heikle Kapitel "Schönheit und ihre Vergänglichkeit" bekam damit ungemein viel Bedeutung. Während Wohlhabende sich noch immer die Lippen aufspritzen, die dann wie aufgeblasene rotglänzende Fahrradschläuche vormals ansprechende Gesichter entstellen, geht das am Rande der Armut dahin vegetierende Arbeitslosen-Duo "Top Sigrid" einen entscheidenden Schritt weiter.

Die Trendsetter in Sachen neue Körperlichkeit ohne ästhetische Grenzen reduzieren mutwillig die einst vollen Lippen und sparen damit fortan die Hälfte des seitherigen Lippenstiftverbrauchs ein. Rauchen können die schmallippigen Agentur-Asketinnen auch fast nicht mehr, es sei denn, sie stecken sich die Kippe gleich in die Nase. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber wie überzeugend vorgeführt wurde, funtioniert es doch einigermaßen . . .

Den arglosen samstagabendlichen Bastionsbesuchern wurde mit geradezu voyeuristisch ins Blickfeld gerückten Schenkelpaaren augenfällig demonstriert, wie ansprechend 50 zwischen Knie und Leiste in die Haut eingearbeitete authentische "Orangenhautdellen" wirken können.

Als nächstes aktuelles Objekt schönheitschirurgischer Begierden zeigte das mitteilungs- und vorzeigefreudige Damenduo das neue Ideal den Kniebereich umspielender und als "Besenreiser" gefeierter blauroter Äderchen, die jederzeit operativ noch viel deutlicher und vor allem auch noch flächendeckender herausgearbeitet werden können.

Während die eine gerade mit dem Gedanken einer operativen Brustverlängerung bis zum Nabel spielt, denkt die andere schon ernsthaft über eine entsprechende Aushöhlung in dieser Körperregion nach, um künftig alles entsprechend näher am Leib tragen zu können. Ohne jede Skrupel zeigten die Opfer der grausamsten Absurditäten auch noch Amtshilfe leistenden Agentur für Arbeit, auf welch wahnwitzige Gedanken Menschen im grausamen Ambiente eines Arbeitslosenknasts kommen können, denen von Motivationsanimateuren noch die letzten Reste vorhandener Persönlichkeit weggecoacht werden.

Warum die beiden Kabarett-Geheimdienstlerinnen Eva Eiselt und Christine Prayon eigentlich als "Top Sigrid" firmieren, wo doch keine von ihnen Sigrid heißt, wunderte die beiden ebenfalls, doch war ihnen das andererseits eigentlich völlig egal. Vollkommen einig sind sie sich dagegen darüber, dass sie jederzeit jedes Tabu brechen würden wenn es denn überhaupt noch welche gäbe.

Im Blick zurück ist viel besser zu verstehen, warum in der Ankündigung des Kabarettabends betont wurde: "Zwei wahnsinnige Frauen warten auf ein wahnsinniges Publikum".

Am Ende der zuweilen etwas verunsichernden Veranstaltung mussten die "Mittäter" im Publikum auch noch über das weitere Schicksal der beiden mit allen Mitteln ums Überleben kämpfenden Kabarettistinnen abstimmen. Nur wenn auf den ausliegenden Listen eine Zufriedenheitsquote von 97 Prozent erreicht wird, können sie weitermachen und behalten vorerst ihren Job.

Ob dieser ungemein hohe Wert eingeforderter Akzeptanz im Publikum bei ihrem zuweilen fast etwas zu turbulenten Treiben tatsächlich erreicht werden konnte, blieb offen. Dass Eva Eiselt und Christine Prayon keinen Respekt vor sich und anderen haben und zweifellos zu den "furchtlosesten und wagemutigsten Newcomern" zählen, die die Kunst des Kabaretts, wenn nicht in Frage stellen, so doch auf eine andere absurde Ebene führen, ist dagegen sicher konsensfähig.

Dass sie mit dieser "etwas anderen Art" Kabarett "politically incorrect" aber seit 2002 sehr erfolgreich unterwegs sind, zeigen die zahlreichen Auszeichnungen, die den "Brettl-Sirenen" schon verliehen wurden. Neben dem Kleinkunstpreis Baden-Württemberg, dem Goldenen Stuttgarter Besen nebst Publikumspreis, der Eschweiler Lok und dem Melsunger Kabarettpreis muss neben vielen Wettbewerbs-Nominierungen, mit denen das Erfolgsprogramm der "Hartz-Core"-Darstellerinnen ausgezeichnet wurde, auch noch der Eva Eiselt und Christine Prayon alias "Top Sigrid" in München verliehene AZ-Stern der Woche erwähnt werden Wahnsinn . . .