Lokale Kultur

Die Ortlosigkeit synthetischer Landschaften

KIRCHHEIM Der Ort Himmelreich bei Böblingen in zarten aquarellartigen Grüntönen, unten eine rostrote Struktur, die auf eine Insel in

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KAI BAUER

der Ägäis verweist und über beidem rankt sich bizarr und überdimensional eine riesige Fleisch fressende Pflanze. "Malerei ist ja nie ganz logisch", sagt der Maler des eben beschriebenen Bildes, Uwe Schäfer, bei der Eröffnung seiner Ausstellung "Non è un bel paese" in der städtischen Galerie im Kornhaus.

Und er verweist auf das pflanzliche Original, eine "Venus-Fliegenfalle", die zierlich und brav im Blumentopf im gegenüberliegenden Schaufenster steht. Kleine Installationen repräsentieren dort die greifbare Wirklichkeit: ein Rasenstück aus Kirchheim, ein Kaktus und ein natürliches Efeu, sowie dessen synthetische Variante. Dieses botanische Kabinett wirkt jedoch selbst wie ein Verweis auf die Motive der Bilder, die an der gegenüberliegenden Wand präsentiert werden, darunter eine ganze Serie mit Kirchheimer Motiven, die speziell für diese Ausstellung entstanden sind.

"Uwe Schäfers gemalte Bilder stehen in der Tradition der Landschaftsmalerei ohne jedoch die damit verbundenen Vorstellungen der Abbildhaftigkeit und romantischen Narration zu erfüllen", erklärte Susanne Jakob in ihrer Einführungsrede. Wenn Schäfer seine Bildfindungen beginnt, werden Dias mit Landschaftsaufnahmen aus der näheren Umgebung, teilweise auch mit städtischen Motiven wie der Kirchheimer Fußgängerzone, mit Reisefotos, vor allem aus Mittelmeerländern übereinandergeblendet. Zu diesen Projektionen kommen als dritte Ebene Bildstrukturen, die aus der Architektur- oder Pflanzenwelt stammen.

Ihre Anordnung ergibt sich aus dem Prinzip der autonomen Bildkomposition. Beispielsweise strukturiert der Horizont im Bild "Donautal II" in drei unterschiedlichen Höhen das Format. Im Bild "Kirchheim" von 2004 werden die gitterartigen Strukturen der Fachwerkhäuser wie mit der Kamera seitlich verwischt. Diese "Richtersche Unschärfe" ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass Schäfer seine Bildelemente sehr frei und nach bildimmanenten Notwendigkeiten einsetzt. Trotz der wässrigen und manchmal fast monochromen Malweise und der naturalistischen, aber auch surreal kombinierten Motive sollen Schäfers Bilder Aufschluss über einen bestimmten Ort geben. "Es ist mir wichtig, Orte zu definieren, ob man sich dort wohl oder unwohl fühlt. Wir suchen unsere Orte intuitiv aus, manche sitzen nicht gerne mit dem Rücken zur Tür", sagt Schäfer.

Trotzdem wirken die Landschaften fiktiv und synthetisch, indem sie aus unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Erinnerungselementen sowie aus Archivmaterialien zusammengefügt sind. Sie haben dadurch eher etwas von der Ortlosigkeit heutiger Wahrnehmung, als von der Ortsbezogenheit, die in der Landschaftsmalerei der Romantik zum Ausdruck kommt.

Fast zwanzig Zentimeter starke Leinwandrahmen geben den Bildern Objektcharakter. Ihre Wirklichkeit ist eine ganz eigene, die sich so von der Wand des Ausstellungsraumes stark abhebt. Extreme Querformate mit Breiten über zweieinhalb Meter eröffnen dem Betrachter andere Sichtweisen. Wie eine reale Landschaft kann so ein Bild abgelaufen und auf fast filmische Art wahrgenommen werden.

Die Kirchheimer Ausstellung konzentriert sich auf Schäfers malerisches Werk, sie zeigt jedoch auch ein Beispiel aus dem umfangreichen Archiv aus Fundstücken und Naturmaterialien, das eine weitere Dimension seiner Arbeitsweise darstellt: Ein Objektkasten mit Spiegelscherbe zeigt ein winziges Flugzeugmodell, das gleich mit seinem Spiegelbild zusammenzustoßen droht. Hinter dem Spiegel häuft sich ein rauer Landschaftsstreifen aus Spielsand, der dem Flieger verborgen bleibt. Ein poetisches Objekt, das für die vielfältige, aus realen und virtuellen Reminiszenzen bestehende Bildwelt von Uwe Schäfer steht.