Kirchheim

Die „schöne Ungarin“ ist jetzt enthüllt

Rundreise Staatssekretärin Gisela Splett besucht Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten. Im Kirchheimer Schloss konnte sie nun das Porträt von Henriettes Schwiegertochter feierlich übergeben. Von Andreas Volz

Gisela Splett (zweite von rechts) hat nach getaner Enthüllungs-Arbeit gut lachen. Das Porträt der Gräfin Claudine Rhédey von Kis
Gisela Splett (zweite von rechts) hat nach getaner Enthüllungs-Arbeit gut lachen. Das Porträt der Gräfin Claudine Rhédey von Kis-Rhéde ist damit offiziell in Kirchheim angekommen.Foto: Jean-Luc Jacques

Sommerzeit ist Reisezeit, das gilt auch für Politiker. Gisela Splett, Staatssekretärin im Finanzministerium, besucht derzeit einige der 60 Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. Dazu gehörten gestern die Sammlung Domnick in Nürtingen, der Hohenneuffen und - als krönender Abschluss - das Kirchheimer Schloss. Eigens dafür wurde das neu erworbene Porträt, das Claudine Gräfin Rhédey von Kis-Rhéde zeigt, noch einmal mit einem Tuch verdeckt. So konnte es die Grünen-Politikerin im Beisein einer kleinen Schar geladener Gäste im Schloss feierlich enthüllen.

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Claudine ist die Verbindung Kirchheims mit dem englischen Königshaus: Ihr Sohn Franz heiratete eine Cousine der englischen Königin Victoria, und dessen Tochter Mary heiratete den späteren König Georg V. Die weitere genealogische Linie führt über Georg VI. direkt zur heutigen Queen. Claudine Rhédey von Kis-Rhéde ist also die Ururgroßmutter von Königin Elisabeth II.

Was aber hat die „schöne Ungarin“ - wie Gräfin Claudine gestern von Michael Hörrmann, einem der Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten, genannt wurde - mit Kirchheim zu tun? Sie war verheiratet mit Alexander von Württemberg, dem einzigen Sohn Ludwigs von Württemberg und dessen Ehefrau, die bis heute als Herzogin Henriette und als Wohltäterin in der Stadt bekannt ist.

„Henriette war wohl sehr talentiert, was ihr Networking betraf“, stellte Gisela Splett fest. Schließlich habe sie die schwierige Aufgabe gemeistert, ihre vier Töchter - trotz geringer finanzieller Grundausstattung - im europäischen Hochadel zu verheiraten. „Aber der einzige Sohn wollte seiner Liebe folgen und hat Claudine zuliebe sogar auf seine Rechte in der Thronfolge verzichtet.“

Nicht nur deswegen hat die Liebe zwischen Alexander und Claudine das Zeug zum Hollywood-Stoff. Ein weiterer Bestandteil ist das frühe, tragische Ende der Liebe: Bereits mit 29 Jahren stirbt Claudine im Oktober 1841 an den Folgen von Pferdetritten. Schwanger mit dem vierten Kind, hatte sie ihren Mann bei einer Kavallerieübung im heutigen Slowenien mit ihrem Besuch überraschen wollen. Dabei kam es zum tödlichen Unglück. Alexander hat nie wieder geheiratet. 44 Jahre lang hat er als Witwer um Claudine getrauert.

Gisela Splett las auch Auszüge aus Claudines Tagebuch vor. Um 1831, als Johann Nepomuk Ender ihr Porträt in Wien angefertigt hat, schrieb die 18-jährige Gräfin, wie sie die schöne „erste Frühlingszeit“ erlebte: „Der Karneval kam, und ich tanzte ohne Maß.“ Nicht nur der Fasching im walzerseligen biedermeierlichen Wien lässt sich sofort als Filmszene denken, sondern auch die Begegnung mit Alexander beim Ausreiten im Prater im Frühjahr 1832. Schwärmerisch schreibt Claudine in ihr Tagebuch: „Jener Frühling wird niemals aus meinem Gedächtnis schwinden.“

Zurück zur Gegenwart: Die Geschichte und das Porträt Claudines sollen helfen, das Kirchheimer Schloss noch attraktiver zu machen. Rund 10 000 Besucher kommen jedes Jahr. „Das ist eine gute Zahl“, sagt Michael Hörrmann. Durch Führungen, Veranstaltungen und Hochzeiten nehmen die Staatlichen Schlösser und Gärten im Kirchheimer Schloss mehr Geld ein, als für den Betrieb benötigt wird. Der Unterhalt ist bei dieser Bilanz allerdings nicht eingerechnet. Dafür ist der Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg zuständig.

Michael Hörrmann stellt noch weitere Besonderheiten des Kirchheimer Schlosses heraus: „Es ist der besterhaltene Witwensitz des Hauses Württemberg.“ Außerdem sei die Einrichtung in der privaten Wohnzimmeratmosphäre des 19. Jahrhunderts gehalten. „So etwas gibt es weder im Barock noch im Rokoko.“ Und dann sind da noch die Kasematten, die von einer ganz anderen Nutzung zeugen: Ab 1538 war das Schloss ein wehrhafter Bestandteil der Landesfestung Kirchheim.

Gewehrt haben sich gestern auch noch die Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz (Grüne) und Andreas Kenner (SPD): „Für uns Kirchheimer wäre es ein Traum, wenn man die Terrasse rüber zur Schlossbastion öfters zugänglich machen würde.“ Aus Sicherheitsgründen geht das aber nur im Rahmen von Führungen. Stadtführer Andreas Kenner und der einstige Schlossführer Andreas Schwarz erklärten sich spontan bereit, hier mitzuwirken. Der Besuch der Staatssekretärin war für Kirchheim also ein voller Erfolg.

Eigentlicher Schlossherr ist das Finanzministerium

Die Staatlichen Schlösser und Gärten sind dem Landesbetrieb Vermögen und Bau zugeordnet. Der Landesbetrieb seinerseits ist dem baden-württembergischen Finanzministerium unterstellt. Die Besichtigungstour der Staatssekretärin ist also kein reines Vergnügen, sondern dient dem Kennenlernen des Staatseigentums, für das das Ministerium zuständig ist.vol