Lokale Kultur

Die skurrile Sehnsucht nach dem Morbiden

KIRCHHEIM Zum Abschluss der Theatersaison 2004/2005 lud der Kirchheimer Kulturring die Badische Landesbühne Bruchsal mit Colin

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RENATE SCHATTEL

Higgins Stück "Harold und Maude" in die Stadthalle. Die skurrile Sehnsucht nach dem Morbiden, Todessehnsucht und der rebellische Geist der 70er-Jahre leitet dieses Bühnenstück.

Der 18-jährige Harold inszeniert schon zum 18. Mal seinen eigenen Tod, nicht nur für seine Mutter, sondern auch für sich selbst. Die Mutter ist dominant, reich und fixiert auf das Leben, wie es zu laufen hat, was man zu tun hat und was nicht. Der Vater fehlt und fast macht es den Eindruck, als sei Harold ein Kind der unbefleckten Empfängnis, so dynamisch rein und so tugendhaft ist Mrs. Chasen.

Sie hat die Selbstmordversuche ihres Sohnes längst als Dumme-Jungen-Streiche abgetan und entsprechend kommentiert. Susanne Meyenburg spielt diese Mrs. Chasen in erschreckender Komik, sichtbar gefangen in ihren Moralvorstellungen, überdreht eifrig, einfach gut.

Hilfe soll Harold bei einem Psychiater finden, der zu den Superschlauen gehört, die einfach alles wissen und von sich bis in den letzten Winkel ihres Gemütes überzeugt sind wunderbar arrogant vorgetragen von Wolf E. Rahlfs. Auf die Frage, was ihm denn Befriedigung gibt, antwortet er: "Ich gehe zu Beerdigungen".

Bei einer solchen Beerdigung lernt der junge Harold mit Maude eine fast 80jährige Dame kennen, die sich benimmt, als wäre sie 18 und hätte nur viel mehr Erfahrung. Maude erzählt und lebt, wie sie es schon immer getan hat, exzentrisch und voller Humor. Voller Lebenskraft und Skurrilität verkörpert Anke Siefken die alte Frau und man nimmt ihr das Alter ab. Man nimmt ihr auch die Rebellin für Freiheit und Gerechtigkeit ab, ihre Lebenserfahrung und die Begabung, das Leben in jedem Augenblick zu genießen, sympathisch und manchmal das liegt aber am Text auch etwas pathetisch.

Der Tod durchzieht dabei das Stück wie ein roter Faden und so hat auch Maude mit ihm eine Vereinbarung getroffen, die sie an ihrem 80. Geburtstag um zwölf Uhr auch einhält.

Christian Cujovic interpretiert den reichen Harold als teils gelangweilten, teils lebensmüden jungen Mann, der eine unterschwellige Sehnsucht nach dem Leben hegt, der hin- und hergerissen ist zwischen Schüchternheit und Entschlossenheit. Beate Metz glänzt in gleich vier Rollen, als geschocktes Dienstmädchen, als potenzielle Bräute Sylvie, Nancy und Sunshine, exaltiert und jedes Mal charakteristisch doof.

Die Bühnenband (Hennes Holz, Milan Pesl, Wolf E. Rahlfs) lockerte mit funkigen Rockrhythmen das Geschehen auf leider gesanglich nicht immer den richtigen Ton treffend. Äußerst apart wirkten der kleine Wohnwagen aus den 70ern und das wassergrüne Sofa (Regine Nagel), unspektakulär, nicht kitschig, aber romantisch inszeniert von Carsten Ramm.