Lokale Kultur

Die tote Auftragskillerin und die „Knöcherlputzer“

Kultautor Jörg Maurer präsentierte sich im Buchhaus Zimmermann mit „Unterholz“ in Höchstform

Kirchheim. Jörg Maurer überlässt nichts dem Zufall – nicht in seinen Büchern und schon gar nicht bei seinen fulminanten Lesungen, bei denen das Multitalent ein wahres

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WOLF-DIETER TRUPPAT

literaturwissenschaftlich-kabarettistisches Feuerwerk zündet. Perfekt choreografiert und sekundengenau getaktet passt bei seiner ausgeklügelten Inszenierung einfach alles perfekt zusammen.

Das Ende von Sibylle Mocklers Einführung nutzte der Kultautor, um ihren Applaus gleich für sich als Willkommensbeifall zu reklamieren. Er dankte der „Intendantin“ für die Begrüßung, gefühlten „dreihundert Helfern“ für die Bestuhlung und am viel zu frühen Ende auch „dem besten Publikum“, dem er je begegnet sei, für die Begeisterung.

Die von niemand gestellte Frage, wie er eigentlich seine schriftstellerische Karriere begann, beantwortete der vor Kreativität überschäumende ironietriefende Erzähler mit der für ihn typischen und nie in Zweifel zu ziehenden Wahrhaftigkeit . . .Als Kind sei er von seinen Eltern stets zum Neujahrsspringen mitgeschleppt worden, habe im zarten Alter von acht oder neun Jahren aber keine richtige Freude daran gehabt, viele Stunden in eisiger Kälte unter der Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen zu verbringen. Irgendwann habe er sich daher vorgestellt, wie es wäre, die Skispringer zu beschießen. Das habe ihn „erwärmt“ – der Aufsatz über „sein schönstes Weihnachtserlebnis“ aber sofort den Schul-Psychologen auf den Plan gerufen . . . Die Freiheit, seine kühnen Kindheitsfantasien zu veröffentlichen, nahm er sich nach seinem gefeierten Alpenkrimi-Debüt in seinem zweiten Bestseller „Hochsaison“.

Die stets hochgehaltene Freiheit der Kunst war von Mord und Totschlag handelnden Romanen freilich lange Zeit streng verwehrt, denn in diesem Genre galten eherne Gesetze, an die sich die Krimiautoren verbindlich zu halten hatten. Als Mickey Spillane es in der 50er-Jahren wagte, einen Krimi zu schreiben, bei dem sich am „unerhörten“ Ende herausstellt, dass der Ich-Erzähler der von den so verwirrten wie verzweifelten Lesern lange vergeblich gesuchte Mörder war, gab es einen Aufschrei der Empörung. Und heute?

Da schreibt ein studierter Anglist und Germanist, mit alpenländischen Zitaten auf den Umschlägen gestaltete kuriose Kriminalromane, deren Titel immer nur aus einem – wenn auch stets bedeutungsschwangeren – Wort bestehen und deren Kapitelbeginn jeweils mit einem Tierbild markiert ist: „Föhnlage“ mit Hirsch, „Hochsaison“ mit Kuh, „Niedertracht“ mit Gämse, „Oberwasser“ mit Eichhörnchen und der jüngste Geniestreich „Unterholz“ mit einem immer wiederkehrenden Biber.

Sein inzwischen hinlänglich bekanntes Ermittler-Personal setzt Jörg Maurer immer unglaublicheren Wechselfällen des Lebens aus, liefert Plots, die nicht abenteuerlicher und unglaublicher sein könnten und findet sich doch immer traumwandlerisch im Gewirr seiner vielen zusammengewobenen Erzählfäden zurecht.

Unappetitlichste Details, die selbst der dafür verantwortliche Autor als „grauslig“ bezeichnet, feiern größte Erfolge, weil sie so herzerfrischend aufgetischt werden, dass man dieser munteren Melange nur mit dem Terminus „Gesamtkunstwerk“ irgendwie gerecht werden kann. Ruchlose Morde werden bei Jörg Maurer zum fast folkloristisch-landeskundlichen Vergnügen, das er immer wieder mit musikalischem, medizinischem oder auch fundiertem zoologischem Wissen untermauert, ohne je langatmig zu dozieren.

Die sogenannten „Knöcherlputzer“ spielen beispielsweise in „Unterholz“ eine wichtige Rolle, denn die fleischfressende „Rothalsige Silphe“(Oiceoptoma thoracicum) hat über Nacht dafür gesorgt, dass die droben auf dem Berg aufgefundene „frische“ Leiche der als berüchtigte Auftragskillerin gefürchteten „Äbtissin“ dank der emsigen Aaskäfer praktisch kein Gesicht mehr hat.

Dass dem Musikkabarettisten und ehemaligen Lehrer Jörg Maurer absolut nichts heilig ist, wird ihm schon deshalb nicht verübelt, weil er sich auch selbst nicht ernst und trotz seines enormen Erfolges auch nicht wirklich wichtig nimmt. Souverän beherrscht er das risikoreiche Instrumentarium der Regionalität und gibt die Vertrautheit mit seiner Heimat so souverän weiter, dass seine Leser das Gefühl bekommen, auch sie wären hier groß geworden, würden jeden Stein kennen und könnten auch bei Dunkelheit noch die schönsten Schwammerln sammeln.

Seine Charaktere sind so rund und stimmig, dass man sie nicht nur geradezu vor sich sieht, sondern inzwischen alle gut zu kennen glaubt. Wer das Glück hat, dem Kultautor in einer Lesung zu begegnen, kann sie auch im Originalton hören und an ihren jeweiligen Dialekten unterscheiden. Live auf der Bühne läuft er zu Höchstform auf. Wie er die bekannte enorme Bedeutung des ersten Satzes eines Buches erst erklärt, um sich dann darüber lustig zu machen, war ein humoristisch-literarisches Highlight.

Jeder Schüler weiß schließlich um die sprachliche Qualität von Franz Kafkas „Die Verwandlung“. Der Klassiker beginnt bekanntlich mit einem Paukenschlag, der durch die kluge Wortwahl doch unendlichen Spielraum für unterschiedlichste Interpretationen zulässt. Bei Jörg Maurer findet sich freilich nicht Gregor Samsa „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“, sondern Hubertus Jennerwein erwacht und findet sich in hauchdünne Drahtschlingen gefesselt, die sich bei jeder Bewegung enger ziehen und ihn nicht mehr an ein langes Leben und ein frohes Alter denken lassen.

Die selbst erzeugte neugierig machende Dramatik dieses Einstiegs und die damit geweckte Lust auf das vorliegende Buch zerreibt Jörg Maurer genüsslich selbst, indem er „Jennerwein“ durch „Pinocchio“ ersetzt und plötzlich sich alles anhört, als sei das eine harmlose Kindergeschichte um eine Holzpuppe. Dass er alternativ zeigt, wie der stets grantelnde Thomas Bernhard wohl essayistisch mit dieser Szenerie umgegangen wäre, die er dann auch noch rasch ins deutlich positiver klingende Kontemplativ-Esoterische übersetzt, war ein echter Genuss.

Jörg Maurer räumt ein, dass von seinen „50 Definitionen“ von „Unterholz“ viele, wenn nicht gar alle, frei erfunden sind und ärgert sich abschließend über die Gedankenlosigkeit mancher Eltern. Dass Kommissar immer und immer wieder mit dem Lied über den bekannten Wildschütz geärgert wird, sei ja schon schlimm genug für seinen Kommissar. Dass er dann ausgerechnet auch noch Hubertus getauft wurde, der ja gleichzeitig Schutzpatron der Tiere und ihrer Jäger ist, hält Jörg Maurer allerdings für unverantwortlich – und präsentiert rasch noch Wissenswertes aus der Perspektive der Tatwaffe . . .