Lokale Kultur

Die Totenmesse eines Jakobiners

WEILHEIM Ein Feuerkopf war er in doppelter Hinsicht, dieser Francois-Joseph Gossec zumindest in den ersten 65 Jahren seines langen

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GERHARD FINK

Lebens. Wie nur wenige seiner Musikerkollegen ließ er sich von den politischen Idealen der französischen Revolution begeistern. Andererseits verursachte Gossec mit seiner Totenmesse einen beachtlichen Schub in der Entwicklung der Musik lange vor dem politischen Erdbeben von 1789.

Der Bauernsohn aus dem Hennegau, der viele Jahre lang wie die meisten seiner Kollegen als "Fürstendiener" sein Brot verdiente, sprengte mit dieser gewaltigen Komposition die Ketten höfisch-unterhaltsamer oder auch geistlich-erbaulicher Gebrauchsmusik und stellte die Musik in den unmittelbaren Dienst der Aufklärung. Er war im ausgehenden 18. Jahrhundert das "Staunen der musikalischen Welt", erfreute sich der Bewunderung von Mozart und Beethoven und fasste die fortschrittlichsten Tendenzen seiner Epoche zusammen, ohne deshalb gleich radikal mit der Tradition zu brechen.

Es war ein höchst verdienstvolles Unterfangen, diesen heute vernachlässigten Solitär wieder zum Funkeln zu bringen. Trotz knapp bemessener gemeinsamer Probenzeit von Chor, Solisten und Orchester ist in der Weilheimer Franziskuskirche unter der Leitung von Bernd Walter eine Aufführung geglückt, die der staunenden Zuhörerschaft nicht nur den Rang dieses Werkes ins Bewusstsein rief. Zugleich wurde durch das Konzert in Weilheim auch die begeisterte Zustimmung nachvollziehbar, die dieses Werk nach 1789 zu einem Standard revolutionärer Musikpflege in Frankreich machte.

Heute verfehlen die Monumentalität und der heroische Zug in dieser Musik ihre Wirkung auf den Zuhörer ebenso wenig wie die damit kontrastierenden innigen Passagen und die teils in bester Operntradition konzipierten Vokalsoli. Die Vorbildfunktion für die entsprechenden Kompositionen von Mozart über Berlioz bis zu Verdi ist einfach evident!

Dem eigens für die Weilheimer Aufführung zusammengestellten Orchester ist es zu danken, dass die aufregenden Neuerungen, die diese Musik kennzeichnen, deutlich hervortraten. Das durchgängig sinfonisch konzipierte Werk verlangt von den Instrumentalisten weit mehr als nur eine Stützfunktion oder eine Klangfarben-Zumischung für die Vokalisten.

Der Orchesterpart bleibt in vielen Sätzen den Streichern vorbehalten, die Bläser treten dann in exponierten Passagen umso eindrucksvoller hervor als "Fernorchester" zum Beispiel im "Tuba mirum", wo Posaunen und Trompeten die Fanfare für das Jüngste Gericht intonieren. Als Beispiel für die "Leitfunktion" der Instrumentalisten sei der "Recordare"-Satz genannt, der ein im Rhythmus stoisches, dynamisch aber vielfach abgestuftes Grundmotiv den frei ausschwingenden Vokalpartien als Basis unterlegt und dabei auch eine fordernde Pizzicato-Partie einschließt. In der Aufführung vom Sonntag gehörte dieser Satz wahrlich zu den Prunkstücken!

Nicht weniger bravourös die Leistung der Choristen, die mit großem Engagement und dennoch jederzeit kontrolliert ihren anspruchsvollen Part absolvierten. Hervorgehoben werden sollen der Chorsatz "Confutatis" und das "Et lux perpetua", mit dem Gossec der Herausforderung der barocken Fugenmeister auf grandiose Weise begegnet. Die stimmlich bestens ausbalancierte Wiedergabe konnte die gründliche Probenarbeit eindrucksvoll belegen, die Bernd Walter und sein Franziskuschor in den Monaten vor der Aufführung geleistet haben.

Was die Vokalsolisten anbelangt, so waren in den ausgewählten Sätzen die Gewichte nicht so ganz ausgewogen verteilt. Während die Sopranistin Christine Euchenhofer und die Altistin Cecilia Tempesta, gestützt auf ebenso strahlende wie technisch sicher beherrschte Stimmmittel, im schon erwähnten "Recordare", im "Inter oves" oder im "Lacrimosa" ein veritables Sängerfest entfalten konnten, gab es für den Tenor Alexander Illi und den Bassisten Peter Schinko eher bescheidene Gelegenheiten, sich auszuzeichnen.

Zudem gewann man den Eindruck, dass die Stimmlagen dieser Parts nicht so ganz den heute üblichen entsprachen. Das abschließende "Pie Jesu" konnte immerhin verdeutlichen, dass auch in den Männerpartien erfahrene und musikalisch untadelige Sänger zur Verfügung standen. Der überaus herzliche Beifall galt der gekonnten Darbietung durch alle Interpreten und dem wagemutigen Einsatz für eine Komposition außerhalb des Standardrepertoires gleichermaßen.