Lokale Kultur

Die ungebrochene Vitalkraft des Dialekts

„Balladen meets Blues“ mit Hans Riek und Günther Wölfte im evangelischen Gemeindehaus in Ötlingen

Kirchheim. Was vor wenigen Jahren als Bühnenexperiment mit durchschlagendem Erfolg begann, hat sich

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Florian Stegmaier

längst zur festen Größe etabliert. Mit ihrem Pogramm „Balladen meets Blues“ huldigten Hans Riek und Günther Wölfle auf Einladung des Ötlinger Kulturkreises im evangelischen Gemeindehaus dem Charme schwäbischer Mundart.

Wenn Günther Wölfle mit Gitarre und Mundharmonika bewehrt die legendäre „Route 66“ ins Lenninger Tal verlegt, ist das nur symptomatisch. Vom Lebensgefühl des Blues getragen, greift er in seinen schwäbischen Texten Wünsche und Nöte des „kleinen Mannes“ auf und reflektiert augenzwinkernd die Tücken des Alltags.

Dabei erweist er Blues-Legende Rory Gallagher („banker‘s blues“) gleichermaßen seine Referenz wie Sebastian Blau („Der Gesangverein“) und macht unter der Rubrik „Pop auf Schwäbisch“ auch einmal Anleihen bei Tom Jones und den Beatles.

Flugs mutiert die „Pennylane“ zur „Marktgasse“ im Wandel der Zeiten, den Weltschmerz von „Yesterday“ fokussiert der Kirchheimer Musiker auf ein kaputtes Fahrrad, das ihn nicht mehr zu seiner Liebsten bringen kann. Versöhnlich gibt sich Günther Wölfles Version der Erlkönig-Ballade, die am Original gemessen geradezu mit einem Happy End daherkommt.

Schwäbische Balladen hatte auch Hans Riek mitgebracht. Seinen Mitmenschen „aufs Maul“ zu schauen, um ihre Eigenheiten kennenzulernen, ist seine Spezialität. Die nur im Dialekt zu transportierende verquere Direktheit der Schwaben, ihre mehr oder auch minder rühmlichen Eigenschaften nimmt der Weilheimer Mundartpoet messerscharf aufs Korn.

Hans Rieks freiem und überaus lebendigem Vortrag ist das kunstvoll Gefügte seiner Balladen erst auf den zweiten Blick anzumerken. Reim und Versmaß sind den Texten derart organisch einverleibt, dass sie den Sprechfluss von innen her zu stützen scheinen, ihn scheinbar ganz natürlich am Laufen halten.

Von einem solch souveränen Sprachfundament aus, kann Hans Riek die unterschiedlichsten Themen aufgreifen. Da brechen zwischen Kaffee und Kuchen beim kirchlichen Seniorentreff absurde zwischenmenschliche Abgründe auf, einem „Auswärtigen“ wird mit einer endlos-labyrinthischen Wegbeschreibung auf die Sprünge geholfen, mit Skurrilitäten und Widersprüchen, die der menschlichen Natur zu eigen sind und Hans Riek als reiche Inspirationsquelle dienen. Der „Sündenabwehr-Akku“ oder die „Nadelöhr-Kamelbremse“ sind nur einige Wortschöpfungen, mit denen er frömmelnde Doppelmoral humorvoll geißelt.

Über den fraglos hohen Unterhaltungswert hinaus, spiegeln Hans Rieks Texte den permanenten Wandel des Dialekts wider. Modeworte und etablierte Anglizismen stellen sich gleichwertig neben tradierten volkstümlichen Wortschatz.

So vereinen die Balladen aktuellen Biss mit zeitlosem Anspruch. Seinen Hörern liefert Riek kein gesuchtes Sprach-Idyll, das gar ins Nostalgisch-Gemüthafte abdriftet. Vielmehr greift er mit seinen Texten ins pralle Leben hinein, lässt sprachliche Frische und geistreichen Witz darin originell zusammenfallen. Wieder einmal erwies sich das Duo-Konzept „Balladen meets Blues“ als anregend spielerischer Beweis für die ungebrochene Vitalkraft des Dialekts.