Kirchheim

Die Vögel sind leiser geworden

Fluglärm Vermehrte Belästigungen von Verkehrsflugzeugen über Kirchheim? Die Aufregung kann der Lärmschutzbeauftragte für den Stuttgarter Flughafen, Klaus Peter Siefer, nicht nachvollziehen. Von Iris Häfner

Foto: Jörg Bächle
Foto: Jörg Bächle

Viel Lärm um nichts - so heißt ein Stück von William Shakespeare, und so ähnlich sieht es Klaus Peter Siefer, Lärmschutzbeauftragter für den Flughafen Stuttgart, wenn er auf erhöhte Flugbewegungen über Kirchheim angesprochen wird. Ein Bewohner auf dem Würstlesberg spricht davon, dass Kirchheim verstärkt von in Echterdingen startenden Flugzeugen überflogen wird. Bis zum Jahr 2005 war Kirchheim im Tal der Glückseligen, was die Belästigungen durch Verkehrsflugzeuge anbelangt - dem Truppenübungsplatz Münsingen sei Dank. Der war militärisches Sperrgebiet und durfte somit von zivilen Flugzeugen nicht überflogen werden, auch nicht von denjenigen Fliegern mit Start oder Ziel Flughafen Stuttgart.

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Dieses Privileg fiel jedoch durch die Schließung des Truppenübungsplatzes vor rund zwölf Jahren. Circa 60 Prozent der Flugbewegungen finden in südwestlicher Richtung des Flughafens statt. Beim Landeanflug ist zunächst Baltmannsweiler das Ziel, das alle Flugzeuge fächerartig ansteuern. Dort haben die Maschinen eine Flughöhe von etwa 1 219 Metern über Normalnull, und es beginnt der Sinkflug mit etwa drei Grad. Flieger aus westlicher und südlicher Richtung fliegen ihre Kurve meist im Großraum Weilheim, eher selten über Kirchheim, wo sie sich in 1 500 Metern über Normalnull oder mehr befinden - viele sind über der Teckstadt jedoch deutlich höher unterwegs. „Bei den Abflügen bekommt Kirchheim kaum etwas ab“, sagt Klaus Peter Siefer. Das sind wenige Flieger, die beispielsweise in Richtung Italien oder einstiges Jugoslawien starten. Die „Rennstrecke“ ist Stuttgart-Mallorca und führt oft über Genf.

"Früher war viel mehr los"

Die Zahl der Flüge und die Lärmbelästigung bekommen bei Klaus Peter Siefer eine ganz andere Relation. „Es ist schon erstaunlich, wie schnell der Mensch vergisst. Früher war viel mehr los im Luftraum.“ Er erinnert an die zahlreichen Übungsflüge der Militärjets in Zeiten des Kalten Kriegs, die regelmäßig die Schallmauer durchbrachen oder im Tiefstflug lautstark über die Dörfer donnerten. Einher ging damit der Überschallknall und damit vibrierende Fensterscheiben, wie es am 15. Juli der Fall war, als zwei Abfangjäger der Bundeswehr eine Maschine der Korean Air „begleiteten“ und sie zur Landung in Echterdingen zwangen, da der Funkkontakt zu dem Flugzeug abgebrochen war.

Um etwa ein Drittel ging die Zahl der Flugbewegungen seit dem Jahr 2008 zurück. „Damals ist die Wirtschaftskrise ausgebrochen, und die Zahl der Geschäftsreisen ist dramatisch gesunken“, erläutert der Lärmschutzbeauftragte, der Angestellter des Regierungspräsidiums Stuttgart ist. 2006 und 2007 waren die flugverkehrsstärksten Jahre. Heute boomt der Reiseflugverkehr, auf den die Fluggesellschaften reagieren. So sind in der Ferienzeit mehr Flieger in der Luft. Aber: „Es passen mehr Passagiere in ein Flugzeug als früher, dadurch sind im Extremfall zwei Flüge zu einem geschrumpft“, ist die Erfahrung von Klaus Peter Siefer. Zum einen sind die Jets größer als noch vor Jahren, zum anderen sind sie mit weitaus mehr Passagieren besetzt. „Die Fluggesellschaften wollen die Maschinen voll machen. Die Devise heißt: 80 Prozent und mehr“, so der Experte.

Dabei bedeuten größere Flugzeuge nicht unbedingt höhere Lärmbelastung, gibt er Entwarnung. Dank moderner Technik sind selbst die größten Vögel leiser geworden. „Da hat sich riesig was getan“, freut sich der Fachmann - nicht ohne Eigennutz. „Wenn früher die Galaxy in Stuttgart gelandet ist, bin ich zwei Stunden nicht vom Telefon weggekommen. Jetzt sind sie modernisiert und haben fortschrittliche Triebwerke“, sagt Klaus Peter Siefer. Bei der Galaxy handelt es sich um ein militärisches Großraumtransportflugzeug. Nicht umsonst investieren Fluggesellschaften in leisere Technik. An den Flughäfen werden Lärmgebühren erhoben. Je geräuschärmer die Maschinen sind, desto weniger muss bezahlt werden.

Fünf Kilometer Mindestabstand

Welche Route und welche Flughöhe ein Flugzeug tatsächlich fliegt, entscheidet der Fluglotse der Deutsche Flugsicherung in Langen bei Frankfurt anhand der aktuellen Verkehrs- und Wettersituation. Normalerweise wird ein Flug gemäß dem von der Fluggesellschaft gewünschten Flugweg gelotst. Bei Bedarf kann zum Beispiel wegen Gewittern oder hohem Verkehrsaufkommen auch von dem ursprünglich geplanten Streckenverlauf abgewichen werden.

„Für den Anflug gibt es heute Radaranflüge“, erklärt Klaus Peter Siefer. Fünf Kilometer Mindestabstand müssen die landenden Flugzeuge ab Baltmannsweiler haben. Es ist Aufgabe der Lotsen, diese Staffelung herzustellen. „Der Flugverkehr muss sicher, flüssig und wirtschaftlich gehalten werden. Jede Minute, die der Flieger weniger in der Luft ist, bedeutet weniger Abgase und weniger Lärm“, sagt Siefer.

Info Wer mehr über die genauen Flugbewegungen wissen will, kann die Seite „Stanly Track“ der Flugsicherung aufrufen.

Weniger Flugzeuge in der Luft

Die Zahl der Gesamtflugbewegungen am Stuttgarter Flughafen ist laut Jahresbericht 2016 des Lärmschutzbeauftragten mit 131 789 um 0,6 Prozent leicht gefallen - und das, obwohl die Zahl der Passagiere um 1,1 Prozent auf 10 640 610 anstieg.

Starts erfolgten zu 57,88 Prozent nach Westen und zu 41,86 Prozent nach Osten.

Die Flüge während der Nachtflugbeschränkung stiegen teils wegen extremer Wetterlagen um 21 Prozent auf 1 399. Davon waren 985 Flüge der Nachtluftpost, das entspricht einem Anteil von 70 Prozent. Auf das Konto verspäteter Landungen bis 24 Uhr gehen 279 Flieger sowie 95 Flugzeuge auf Einzelfall-Ausnahmegenehmigungen.

Beschwerden über Nachtflüge gingen 153 Mal ein. ih