Lokale Kultur

Die Wiederentdeckung der Disziplin aus Liebe zum Kind

NÜRTINGEN "Ich! Alles! Sofort!" unter dieser Prämisse subsumierte der ehemalige Leiter des Internates Salem bei Überlingen, Bernhard Bueb, die Haltung von Kindern und Jugendlichen in unserer von den Auswirkungen antiautoritärer Erzie-

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HEINZ BÖHLER

hung geprägten Gegenwart. Um dem dadurch verstärkten Totalverlust an gesellschaftlichen Werten entgegenzuwirken, mischte sich Bernhard Bueb mit seiner jüngst erschienenen Streitschrift vom Lob der Disziplin in die gegenwärtige Diskussion um eine Verbesserung des Bildungswesens ein und hielt in der Nürtinger Kreuzkirche einen Vortrag zu diesem umfangreichen Thema.

"Wir waren froh, als Bernhard Bueb unsere Einladung angenommen hatte", zeigte sich Buchhändler Dr. Horst Zimmermann hocherfreut, vor einer ausverkauften Kreuzkirche den Autor begrüßen zu können, der am Ende dieses Sommers für eine Verschärfung der Diskussion um Erziehung und Bildungswesen in dieser Republik gesorgt hat, indem er den bisher vernachlässigten Aspekten Erziehung und Charakterbildung den ihnen gebührenden Platz neben der so genannten akademischen Bildung einräumte.

Bernhard Bueb begann seinen Vortrag mit einer Bestandsaufnahme des Zustands einer Gesellschaft, die in den letzten vier Jahrzehnten vieler ihrer Werte verlustig gegangen sei. Die Jugend sei wie nie zuvor "gefährdet durch Mammonismus, Alkoholismus und Sexualismus", zitierte Bernhard Bueb eine Warnung, die der Pädagoge Hermann Lietz am Vorabend des Ersten Weltkrieges ausgesprochen hatte. Wie wir heute wissen, folgte ihr das reinigende Stahlgewitter sozusagen auf dem Fuße. Dabei kannte die damalige Gesellschaft noch keine Beeinflussung durch Fernseher und Internet, betonte Bernhard Bueb.

Der Pädagoge sieht durch die Darstellung von Gewalt und die Auflösung aller privaten Bindungen den notwendigen Schutzraum des Kindes vor der Erwachsenenwelt verletzt und verurteilt die vor allem in den Programmen der privaten Sender gezeigte Normalisierung von Korruption und Drogenmissbrauch. Alles Streben sei dem Gelderwerb und einer unstillbaren Konsumgier unterworfen. Selbst Aktiengesellschaften vernachlässigten Produktqualität und Mitarbeiterpflege gegenüber ihrem Shareholder-Value. Den unerfüllten Utopien der so genannten 68er-Generation im Buch erwähnt Bueb auch den vergeblichen Versuch Anton Semjonowitsch Makarenkos in der postrevolutionären Sowjetunion, ein idealistisch-sozialistisches Erziehungsbild zu verwirklichen sei zu alledem auch noch das Korrektiv der Religion abhanden gekommen und mit ihm der Glaube an eine Zukunft.

Die Lebensmaxime "carpe diem nutze den Tag" habe wieder stark an Bedeutung gewonnen, von den Leitbildern Marx und Coca-Cola sei nur Letzteres übrig geblieben und spiegle die einseitige Orientierung der Jugend am Konsum symbolisch wider. Um diesem Zeitgeist entgegenzusteuern, hat Bernhard Bueb in seinem Wirkungsbereich Schlossinternat Salem die (Wieder-)Einführung strenger Regeln für den Alltag betrieben.

Über manche Dinge braucht man nicht zu diskutieren, empfiehlt Bernhard Bueb eine feste Haltung des Erziehenden, sei es Elternteil oder Lehrer, und fordert die Annahme eventuell damit verbundener Anstrengungen. Das Hauptmotiv des Erziehers müsse die Liebe zum Kind sein, die seine Macht in eine legitime Autorität verwandle. Die dadurch erreichte Disziplin des Kindes sei unerlässlich im für Salemer Schüler obligatorischen Abenteuerurlaub oder das Verhalten im Mannschaftssport. Dort verhelfe sie zu selbst erfahrenen Glücksgefühlen, zum Beispiel nach der Besteigung eines Berges, dem fehlerfreien Spiel einer Klaviersonate oder einem gewonnenen Fußballspiel. Das mache einen wesentlichen Unterschied zu von außen animierten Glücksgefühlen über Drogenmissbrauch, Fernseherlebnisse oder Reichtum. Darum stellt er einen von Max Weber propagierten Wertekanon in den Vordergrund einer Pädagogik, wie er sie sich wünschte: Das Lernen von Verzicht, Selbstorganisation und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung.

Um diese Erziehungsprämissen auf eine möglichst breite Basis zu stellen, fordert er, eine flächendeckende und verpflichtende Ganztagsschule einzuführen. Dort sollten seiner Meinung nach alle Lehrer zur Anwesenheit von morgens bis nachmittags verpflichtet werden, um den Kindern anleitende Partner im Spiel, beim Musizieren, Sporttreiben und Durchführen von Projekten zu sein. Dass dazu eine entsprechende Ausstattung der Schule unabdingbar und eine Aufgabe des dreigliedrigen Schulsystems hilfreich wären, steht ebenso auf seiner Agenda wie die daraus sich ergebende Rolle das Lehrers als Berater der Eltern, der ihr Kind wirklich kennt.

Dass dazu Geld seitens des Staates in die Hand genommen werden müsste, ist dem erfahrenen Pädagogen wohl bewusst. Dass andererseits öffentliche Gelder nirgends so gut angelegt wären wie in der Erziehung, aber auch. Deshalb schloss er seine Ausführungen auch mit der Empfehlung: "Das wäre die wirksamste Investition in die Zukunft."