Lokale Wirtschaft

Die wirtschaftliche Entwicklung von Baden-Württemberg

Zweifellos kann Baden-Württemberg weit mehr als "nur nicht Hochdeutsch" das wurde deutlich herausgearbeitet. Dass auch Statistik mehr leistet, als nur viele Zahlen, optisch ansprechend gestaltete Säulen- und bunt eingefärbte Kuchengrafiken zu liefern, belegte die Präsidentin des Statistischen Landesamtes, Dr. Gisela Meister-Scheufelen, mit einer selbst- bewusst angekündigten Tour d'Horizon, die dann auch geboten wurde.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Der Anlass dieses von ihr im Kirchheimer Buchhaus Zimmermann kompetent angeführten Parforce-Rittes durch eine Fülle von interessanten Informationen war die Präsentation ihres im Kohlhammer-Verlag erschienenen und mit entsprechenden "Daten und Fakten" aufwartenden Bandes "Die wirtschaftliche Entwicklung von Baden-Württemberg". Mit einem kurzweiligen und in kompetenter Informationsdichte sich entwickelnden Abend konnte manches Urteil über Baden-Württemberg und über das Thema Statistik wenn nicht korrigiert, so aber doch zumindest einmal kritisch überdacht werden.

Mit Dr. Gisela Meister-Scheufelen war zweifellos eine Meisterin ihres Fachs geladen. Auch ohne ihr in Stuttgart zurückgelassenes Manuskript konnte sie kompetent und überzeugend, kurzweilig und spontan die Fragen provozierenden und Antworten einklagenden Erkenntnisse der Statistiker präsentieren.

Genügend Zeit nahm sie sich zunächst, um die erforderlichen Grundlagen zu schaffen und die rasante Entwicklung des bundesrepublikanischen Bruttosozialproduktes aufzuzeigen, das von 59 Millarden im Jahr 1950 innerhalb von zehn Jahren auf 143 Milliarden Mark anwuchs, was einer Steigerung um 144 Prozent entspricht. Auch wenn die prozentuale Steigerung in den nächsten Dekaden mit 67 und 34 auf 32 Prozent zurückging, stieg das Bruttoinlandsprodukt in Zehnjahresschritten auf 239 und 319 und lag dann 1990 bei 422 Milliarden Mark.

Per Beamer warf Gisela Meister-Scheufelen teilweise schon wieder aktualisierte Grafiken an die Wand und belegte freilich mit von ihrer Behörde ermittelten und bewerteten Zahlen dass Baden-Württemberg wirklich auf vielen Gebieten an der Spitze steht.

Übersichtlichen Schaubildern ist dann auch Baden-Württembergs Spitzenstellung bei der Bruttowertschöpfung des produzierenden Gewerbes abzulesen. Auch ist auf einen Blick zu erkennen, dass der Kreis Esslingen im Kreis der Top-Branchen klar den Bereich Maschinenbau anführt und insgesamt an dritter Stelle liegt hinter Böblingen und Stuttgart, die den Sektor Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen anführen.

Deutlich wurde aber auch, dass Deutschland und Baden-Württemberg im Blick auf die EU und den "Rest der globalisierten Welt" wegen erkennbarer Defizite nicht immer nur Spitzenpositionen belegen, sondern teilweise auch eher zögerlich vorausahnbaren Entwicklungen hinterherhinken.

Der von einem Besucher gezogenen Erkenntnis, dass die mühevoll analysierten Zahlen und daraus ablesbaren Trends eigentlich viel zu wenig bewirken, widersprach Gisela Meister-Scheufelen nicht.

Statistische Erhebungen gebe es schließlich schon sehr lange, ohne dass die daraus zu gewinnenden Erkenntnisse in entsprechendem Maß Gehör finden und bei richtungweisenden Entscheidungen entsprechend mit ins Kalkül gezogen würden. "Wenn die Rente finanzierbar wäre", so zeigte sich Gisela Meister-Scheufelen überzeugt, würde vermutlich noch immer nicht mit genügend Interesse auf die aus vorliegenden Zahlen und Trends zu ziehenden Vorschläge reagiert.

Ein großes Kompliment wurde der Präsidentin des Statistischen Landesamtes von einem Unternehmer gemacht, der deutlich machte, wie lästig das Ausfüllen der von ihrer Behörde regelmäßig eingeforderten Datenliste sein kann. Dass sich diese vergleichbar geringe Mühe im Blick auf die daraus ablesbaren Entwicklungen und den daraus möglicherweise zu gewinnenden Erkenntnissen aber zweifellos für alle am Prozess Beteiligten "rechnet", wenn die Ergebnisse der Analysen auch entsprechend umgesetzt werden, stand für ihn am Ende des Abends fest.

Mit ihrer Präsentation war es Dr. Gisela Meister-Scheufelen schließlich auch überzeugend gelungen, den Beweis dafür zu erbringen, dass es für wegweisende lang- und mittelfristige unternehmerische und politische Entscheidungen bessere Grundlagen gibt als Spontaneität, "Bauchgefühle" oder vielleicht auch Parteizugehörigkeiten.

Was sie an Informationen über "Die wirtschaftliche Entwicklung von Baden-Württemberg" mitbrachte, hätte sicher das Interesse von viel mehr Führungskräften aus Wirtschaft und Politik verdient, als zwischen die Buchregale des gewählten Veranstaltungsforums passten. Auf rund zweihundert Seiten können Führungskräfte und Entscheidungsträger aber dank überschaubarer Textfülle und vielsagender und für sich sprechender Grafiken schon beim interessierten Durchblättern nachvollziehen, wie die Entwicklungen verlaufen sind und wie vor allem auch die schon vor Jahrzehnten ablesbare demografische Entwicklung weiter läuft. Überdeutlich wird dabei gleichzeitig auch, wie weit von statistischen Vorausberechnungen die immer wieder beschworenen Träume von "finanzierbaren Renten" eigentlich schon immer waren.

Die Gelegenheit, auch noch mit der Referentin ins Gespräch zu kommen, wurde von den am ernstan Thema interessierten Besuchern gerne und kompetent genutzt. Patentlösungen für eine zufriedenstellende wirtschaftliche Entwicklung unter Rahmenbedingungen, die vor allem von den Folgen der Globalisierung, des Strukturwandels und der demografischen Entwicklung entscheidend geprägt werden, konnten aber erwartungsgemäß nicht gefunden werden.