Kirchheim

Die Wogen schlugen hoch

Hochwasser Die Nerven liegen blank bei vielen Anliegern im Steingrubenweg in Ötlingen. In 30 Jahren mussten sie dreimal überflutete Keller ertragen. Wie vorsorgen, darüber ging es in einer Infoveranstaltung. Von Iris Häfner

Hochwasser, Gewitter, UnterführungNähe Steingrubenweg, Wendlinger Weg, Ötlingen Dupiggraben
Hochwasser, Gewitter, UnterführungNähe Steingrubenweg, Wendlinger Weg, Ötlingen Dupiggraben

Die einen waren hochemotional, die anderen nüchtern an den Fakten interessiert. Als Joachim Wald, Geschäftsführer des Büros Wald und Corbe, mit seinem Vortrag „Starkregenereignis - Erkenntnisse, Maßnahmen und Vorsorge“ im Ötlinger Rathaus begann und die Faktenlage darstellen wollte, war das für einige Anwohner des Steingrubenwegs schon zu viel. Wie es im Juni in ihren Häusern und Gärten ausgesehen hat, das ist fest im Gedächtnis haften geblieben, das interessierte sie an diesem Abend nicht. Wie in Zukunft weitere Schäden zu vermeiden sind, auf diese Frage erhofften sie sich Antworten.

Anzeige

„Es gibt keinen absoluten Hochwasserschutz“, stellte Joachim Wald klar. Lokal begrenzt waren in und um Lindorf in weniger als einer Stunde zehn Prozent des Jahresniederschlags vom Himmel gestürzt. „Der Höhenzug bei Lindorf war der Schwerpunkt“, erklärte Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer. Die Wassermassen suchten sich ihren Weg und sind wild über das Gelände in Richtung Lauter in Ötlingen abgeflossen. Mit im Gepäck hatten sie auch Schlamm, Geröll und anderes. So war der Rechen des verdolten Dupiggrabens schnell verstopft, und das Wasser konnte nicht optimal abfließen. „Ich bin froh, dass keine Heuernte war, sonst wäre es noch schlimmer gekommen“, sagte Günter Riemer.

Der Rechen sollte sich als ein zentrales Problem erweisen. Ihn komplett entfernen geht jedoch aus Sicherheitsgründen nicht, schließlich sollen keine Kinder in den verdolten Bachlauf fallen. Er soll künftig jedoch so schnell wie möglich entfernt werden, um diesen Engpass zu vermeiden. Ein Hochwasseralarm soll dabei helfen, dass die Feuerwehr schnell an Ort und Stelle ist. Dabei handelt es sich um einen Pegelmesser, der ab einer bestimmten Höhe anschlägt. Auch Niederschlagsmessungen können ein Hilfsmittel sein.

Den Dialog mit den Landwirten suchen, ist ein weiterer Vorschlag von Joachim Wald. Der Schlamm kommt hauptsächlich von Äckern, insbesondere von Maisäckern. Zwischen den Saatreihen ist viel Boden frei, ohne dass ihn Wurzeln halten. So wird er leicht weggeschwemmt. „Alternative Bewirtschaftung in kritischen Bereichen empfehlen und hangparallel pflügen“, rät der Experte.

Der Klimawandel ist die Ursache für diese Starkregenereignisse, so die klare Aussage. Als „Hausnummer“ reicht hier das 100-jährige Hochwasser nicht mehr aus. Joachim Wald sprach von einem 1 000 bis 5 000-jährigem Ereignis, das die Lindorfer und Ötlinger traf. Der Ingenieur war während seines Vortrags ständig im Dialog mit den betroffenen Anwohnern. Sie stellten Fragen und machten ihren Standpunkt deutlich. So lässt aus ihrer Sicht der Pflegezustand des Dupiggrabens zu wünschen übrig. Der Experte empfiehlt, dass die Stadt einmal wöchentlich den Wasserlauf kontrolliert.

Immer wieder war von der „Reichertertrasse“ im Zusammenhang mit den Hochwasserschutzmaßnahmen die Rede. Dabei handelt es sich um den kürzesten Weg für das Wasser in Richtung Lauter. Dieser Variante steht jedoch die Wirtschaftlichkeit entgegen, da sie um etwa die Hälfte teurer ist, als die von der Stadt für 700 000 Euro bereits umgesetzte - und die hat im Sommer nichts gebracht. „Die Stadt hat viel Geld in die Hand genommen, es hätte noch schlimmer kommen können. Es gibt kein Anrecht auf Hochwasserschutz, und trotzdem macht es Kirchheim“, sagte Joachim Wald. Um in den Genuss von 70 Prozent Landes-Fördergelder zu kommen, braucht es den Wirtschaftlichkeitsnachweis.

Joachim Wald bot auch an, in jedes Haus zu kommen, um nach den kritischen Stellen zu schauen. Wasserdichte Fenster einbauen ist eine Möglichkeit, und Dammbalken, die sich automatisch hochklappen, können Garagen schützen.

Außerdem gibt die Stadt eine Studie bei Wald und Corbe in Auftrag. Dank leistungsstarker Computer können so Hochwasser-Szenarien durchgespielt werden. „Die Starkregengefahrenkarte macht es uns möglich, viel mehr Grobrechen an den richtigen Stellen installieren zu können, denn wir sehen dadurch, wo sich Gerinne bilden“, so Joachim Wald.

Info Am morgigen Dienstag, 12. Februar, findet um 18 Uhr die Infoveranstaltung im Bürgerhaus Lindorf für die Betroffenen dieses Stadtteils statt.

Weil der Rechen schnell zugesetzt war, konnte das Wasser nicht mehr in die Dole abfließen. Foto: pr
Weil der Rechen schnell zugesetzt war, konnte das Wasser nicht mehr in die Dole abfließen. Foto: pr