Lokale Kultur

Donna Lucretia Borgia oder: Die Folgen verbotener Liebe

KIRCHHEIM Die Entscheidung, das skandalträchtige Sittengemälde schließlich doch in der Kirchheimer Stadthalle zu entwickeln, war richtig, denn auch am Mittwochabend wäre der Sinnenrausch und Augenschmaus einer Aufführung von Victor Hugos "Lucretia Borgia" zumindest stark beeinträchtigt worden.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Eindrucksvoll choreographierte und von Jürgen Lingmann mit den WLB-Ensemblemitgliedern einstudierte Kampfszenen zu Beginn machten auch letzten Zweiflern deutlich, dass es tags zuvor eigentlich gar keine Alternative gab zu der lange hinausgezögerten und vor vollen Rängen natürlich schwer fallenden Entscheidung für eine endgültige Absage.

Der nach den Vorhersagen der Experten im Stuttgarter Flughafen gefasste Beschluss, das kalkulierbar scheinende Wagnis einzugehen und am ansprechenden Aufführungs-Ambiente des Marstallgartens festzuhalten, hatte sich nicht bewährt. Ein Flugzeug konnte unter den am Dienstagabend real existierenden Witterungsbedingungen zwar landen, eine ambitionierte Freiluft-Inszenierung aber leider nicht starten.

Die Wahl des Spielorts musste spätestens um 12 Uhr mittags erfolgen. Die ersten Regentropfen fielen dann unbarmherzig rund acht Stunden später und damit fast genau eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung unter freiem Himmel. Angesichts turbulenter Szenen und spektakulärer Fechteinlagen mussten die Darsteller aber einen guten Stand, zumindest aber trockenen Boden unter den Füßen haben.

Nach langem Ausharren musste Kulturring-Chef Gerhard Fink das Handtuch werfen und für den nächsten Tag in die nüchterne Stadthalle laden, die dem Marstallgarten-Ambiente natürlich nicht im Entferntesten das Wasser reichen kann. Gegebenenfalls "mit gebremstem Schaum" zu spielen, war ein im Kreis der Zuschauer zu vernehmender Vorschlag, der leicht gemacht, real aber nicht umgesetzt werden kann: Ganz oder gar nicht dazwischen gibt es für die Ansprüche der Schauspieler an sich selbst keinen Spielraum.

Umso nuancenreicher kam dann am Mittwochabend die im Mittelpunkt der Intrigen und Kämpfe stehende "femme fatale", die wohl berühmteste Giftmischerin der Renaissance und inzestuöse Ehebrecherin daher. Der von Nadine Ehrenreich verkörperte skrupellose blonde Todesengel war schließlich zugleich auch eine von ihren Gefühlen gepeinigte, vorwiegend das eigene Geblüt liebende Frau und Mutter.

Mit Victor Hugos von Georg Büchner 1835 übersetztem Porträt der verruchten und von vielen verfluchten Tochter von Papst Alexander VI. hatte das Ensemble der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB) einen schillernden Theaterstoff ausgegraben, der eigentlich auch in einer lauen Sommernacht unter freiem Himmel frösteln lassen muss. Renate Schalls opulente Inszenierung, die trotz modernster Technik nicht immer alle Ohren optimal erreichen konnte, war optisch aber zweifellos ein Genuss. Wallende Roben (Jenny Schall), gut gesetztes Licht (Technische Leitung: Bernd Zibonke), passende Musik, die zuweilen mehr Aussagekraft hatte, als unter Masken hervordringende und damit manchmal schwer verständliche Worte, ein einfaches aber wirkungsvolles Bühnenbild (Horst Vogelgesang) und natürlich die Fechtszenen sorgten für überzeugendes Theater, das voll ins Auge ging.

Dass die männermordende Matrone nicht zur "Königin der Herzen" werden konnte, war klar. Erstaunlich war aber doch, dass sich die grundsätzlich vorgegebene Distanz des Publikums zu den tragisch handelnden Figuren im Lauf der Aufführung eher noch verstärkte. Mitfühlende Nähe und Betroffenheit kam angesichts der miterlebten Grausamkeiten nicht auf egal, ob nun einem einzelnen bemitleidenswerten Geschöpf ohne Zögern das Augenlicht geraubt wurde oder die Mitglieder einer eindrucksvoll versammelten Abendmahlsgesellschaft, wie aus Leonardo da Vincis "Bilderbuch", samt und sonders mittels vergiftetem Wein aus der entsprechend gekennzeichneten Goldflasche gleich kollektiv ins Jenseits befördert wurden.

Grundsätzlich gut nachvollziehbar war es ja schon, dass die laszive Lucretia das unschuldige Wort "Liebe" nur schwer über die Lippen brachte. Die Penetranz, mit der das sehr oft vorkommende Wort "Liebe" dann aber nicht nur bei ihr stets für sprachliche Aussetzer sorgte, sondern auch den herumkaspernden Gubetta (Thomas Gräßle) immer wieder dazu führte, die Hand gegen sich selbst zu erheben, sorgte für eine Ohrfeigen-Orgie, die zunehmend anstrengte.

Die lustbetonte Liebe zwischen Lucretia und ihrem eigenen Sohn, der in der attraktiven Papsttochter natürlich nur eine begehrenswerte, wenn auch verheiratete Frau, nicht aber seine ihm unbekannte und von ihm entsprechend leidenschaftlich verehrte Mutter sieht, blieb etwas blass. Sehr gelungen war dagegen, wie der missratene Buchstabendieb von einem Sohn, der Mutter das "B" aus der Schrift an der Palastfassade entfernte und damit den noblen Hort der edlen Borgias für alle sichtbar als wüsten Ort brandmarkte, an dem ausschweifende "orgias" gefeiert werden.

Dass eine mordende Mutter vom lange verleugneten Sohn erst innig geliebt und dann blindwütig gemeuchelt wird, ist an Tragik nicht zu überbieten. In der in schönen Kostümen daherkommenden und in wunderbaren Bildern schwelgenden Inszenierung wurde die verdiente Tiefe aber durch zu intensiv bemühte Marotten unnötig getrübt.

Von euphorischem Applaus konnte dann auch nicht die Rede sein. Der nicht allzu üppig gewährte Beifall galt einem opulenten Augen- und Ohrenschmaus, nicht aber einer betroffen machenden und emotional aufwühlenden Tragödie, die schwer zu ertragende Blicke in menschliche Abgründe gewährt hatte.