Lokale Kultur

Dramatische Tage im Sommer 1833

Eduard Mörike erlebte vor 180 Jahren als Pfarrverweser in Ochsenwang eine persönliche Tragödie

Bissingen. Mehr als eineinhalb Jahre hatte Eduard Mörike in der Abgeschiedenheit Ochsenwangs als Pfarrverweser zugebracht, als sich

im Sommer 1833 seine Situation immer mehr zuspitzte. Mit knapp 30 Jahren schien er keine berufliche Pers­pektive zu haben. Die Vikariatszeit hatte schon viel zu lange gedauert, und eigentlich verspürte Mörike auch keine große Lust auf den Seelsorgerdienst. Selbst das Predigen fiel ihm schwer, und er drückte sich vor dieser Aufgabe, so gut es ging. Immer wieder sah er der „Ochsenwanger Sonntagspredigt als unumgängliches Gespenst entgegen“.

Ein Jahr vorher, im Frühjahr 1832, war die Stimmung im „Reihernest“ auf dem Breitenstein noch heiter gewesen. Seine Novelle „Maler Nolten“ war nach jahrelangen Vorarbeiten im August 1832 endlich in der renommierten Stuttgarter Schweizerbartschen Verlagsbuchhandlung erschienen. Um ihre Verbreitung kümmerte sich der Dichter engagiert und organisierte Rezensionen, denn auch damals war es für einen unbekannten Autor nicht einfach, dass die Gazetten auf seine Werke aufmerksam wurden.

Auch sonst hatte der Dichterpfarrer allen Grund, sich auf der Albhöhe behaglich zu fühlen. Er war nach seinen eigenen Worten von der Gemeinde anerkannt und hatte Umgang mit seinen Pfarrerkollegen aus der Umgebung („Neulich war die Frau Pfarrerin von Bissingen mit ihrem Vikar bei uns oben. Es gefiel ihr ausnehmend“). Glücklich war er vor allem darüber, dass seine Mutter bei ihm wohnte und den Haushalt versorgte. Freunde besuchten ihn, und man wanderte gemeinsam über die Alb nach Neidlingen und über Hepsisau wieder zurück nach Ochsenwang.

Ludwig Bauer, ein lieber Gast im Pfarrhaus, erinnert sich daran: „Wie prächtig muß es jezt sein, vom Brei­tenstein herunterzusehen auf die frischgeborne Natur und am fernen Horizont Wetter vorbeirauschen zu hören! Oder vom grünen Felsen aus das Geschwätz des Hepsisauer Bachs zu belauschen, wenn er von den Gewittergüssen der vorigen Nacht erzählt!“

Auch die Verlobte Luise Rau fand immer wieder den Weg nach Ochsenwang, und das Verhältnis zeigte sich mit ihr ausgeglichen, wenngleich in Eduards Briefen immer wieder Trübungen anklangen. Hier entstanden die zärtlichen Brautbriefe, die Mörike nach Plattenhardt schickte. In einem malte er ihre gemeinsame Zukunft im Ochsenwanger Pfarrhaus aus: „Wie werden wir so heimlich unsre zwei Stühle zusammenrücken, während der Topf im Ofen singt, die Morgensonne Dir auf das Strickzeug in den Schoos scheint, ich die Eine Hand über Deine Schulter legend, mit der andern ein liebes Büchlein haltend und lesen was Du willst, oder schwatzend was Du willst! Und dann nach Tische ein Spaziergang, der uns die Gesichter erfrischt und die Gedanken klärt. Sodann der geruhige Abend, von keinem ungebetnen Gast gestört; man redet von alten und künftgen Zeiten, von Innerem und Äußeren – wir schlafen in zwei wohlseparirten Stübchen, (weil wir ja bekanntlich des Nachts uns eigentlich nichts angehn) nur der Mond, der hier offenbar ein ganz besonderes Licht hat, wird Dein Kissen so gut wie das meinige beschleichen, nur die Träume kümmern sich ohnehin Nichts um Schloß u. Riegel. – Sage mir läßt sich etwas Anmuthigeres denken?

Die Idylle war nur von kurzer Dauer. Ständig war er von Krankheiten geplagt, die er auf die „raue Albluft“ zurückführte. Johannes Mährlen, ein treuer Freund seit den Tübinger Tagen, schickte ihm im April 1833 eine Packung „Ächt englisches Gicht-Papier“. Seine Anwendung blieb zwar „nicht ganz ohne Wirkung“, ließ er den Freund wissen, trotzdem trieb ihn die Sorge um, dass er seine „schon sehr angegriffene Gesundheit“ bei längerem Aufenthalt in Ochsenwang ganz einbüßen werde. „Nicht genug, daß ich hier oben meine Gesundheit vielleicht auf Jahre hinaus, und mit ziemlicher Geduld zu Schanden gerichtet habe – man schimpft auf den ‚Hypochonder‘.“

Sorgen bereiteten ihm auch seine beiden Brüder, die nirgends so richtig Fuß fassen konnten. Sein älterer Bruder Karl, ehemals Amtmann im oberschwäbischen Scheer bei Sigmaringen, war als Sympathisant umstürzlerischer Bestrebungen verhaftet worden und auf dem Hohenasperg eingekerkert. Eduard hatte darunter zu leiden und klagte: „Leider ist zu befürchten, dass der König, seit meines Bruders Affaire dem Namen M. gehässig, mir noch den Spaß verderbt.“ Gemeint war damit die Suche nach einer festen Pfarrerstelle, die endlich für ein gesichertes Einkommen gesorgt hätte – Voraussetzung für eine Heirat mit Luise Rau.

Es hat den Anschein, dass die Braut, selbst Tochter eines Pfarrers, und vielleicht auch die verwitwete Mutter Klarheit über die Zukunft haben wollten. Luise Rau war 27 Jahre alt und befürchtete, das übliche Heiratsalter längst überschritten zu haben. Mörike sah sich gedrängt, endlich eine auskömmliche Stelle zu finden. Am 8. August 1833 schrieb er der Verlobten: „Ich bin seit Wochen wie ein geheztes Wild, unstet, fast hei­mathlos, uneins mit mir selbst u. möchte mein Schicksal mit Füßen zertreten. Nun in ganz kurzer Zeit zum vierten Mal in Stuttgart habe ich doch wenig oder Nichts erreicht was jetzt zu meinem Frieden dienen könnte. Ich hatte mirs in den Kopf gesetzt mit Ende des Monats die Ketten zu zerreissen mit der ich an den Berg gekettet bin.“

Verschiedene Stellen waren im Gespräch, aber Vikar Mörike lehnte sie – nicht zuletzt wegen seiner Gesundheit – ab. Auch Freunde machten sich für ihn stark, eine „Privatbeschäftigung“ außerhalb des Kirchendiensts zu finden. Alle Bemühungen zerschlugen sich, nicht zuletzt, weil der Stellungsuchende an den Vorschlägen immer einen „Haken“ fand.

Seine Briefe an die Verlobte wurden seltener, und der Inhalt bestand weniger aus reinen Herzensergüssen. Stattdessen folgten Erklärungen, Erläuterungen und Rechtfertigungen darüber, was er zur Sicherung seiner Existenz unternommen habe und welche Hindernisse im Wege standen. Über seinen Seelenzustand ließ er die Braut nicht im Ungewissen. „Mich widert die Arbeit an und so manchen Genuß den ich sonst aus dem einförmigen Zustand meines Lebens, wie aus dem eigenen Gemüth, mitunter frisch und munter schöpfen konnte, – Spiel und Ernst – das Alles ist wie ausgetrocknet, wie auf immer verschwunden“. Geradezu beschwörend flehte er die Liebste an: „Erhalte Du wenigstens, mein Herz, Dir Deinen Muth und mir Deine Liebe ... hilf mir über diese nächste Zeit hinweg! Schreibe mir bald, bestes und einziges Herz! Du bists allein was meine armen Gedanken, die des Tages überdrüssig, schon einwintern wollen, noch immer wach und rasch erhält. – Sey tausendmal geküßt und an die Brust gedrückt.“

Nicht nur seine Zeit in Ochsenwang ging zu Ende. Auch die Beziehung zu Luise Rau zerbrach. Der Brief vom 8. August 1833 an die „Beste Luise“ in Bernhausen ist das letzte erhaltene datierte Schreiben an die Braut. Spätestens im November kam es zum Bruch, zur „Katastrophe meines Lebens“, wie Mörike an einen Freund schrieb. In einem Brief vom 12. November an Schwester Klara deutete er an, worum es dabei ging. Er scheute sich allerdings, „gewisse Dinge zur Sprache zu bringen, die mit dem innersten Interesse meines Wesens zusammenhängen ... daß sie sich auf dem Papier womöglich noch mißgestalter und unheimlicher ausnehmen würden als selbst in meinem Kopfe“. Luise hatte ihm in einem Brief – der sich nicht erhalten hat – die Lösung der Verlobung mitgeteilt. Die Nachricht erreichte ihn auf der Staffel der Weilheimer Peterskirche, wo er kurzzeitig als Vikar amtierte. In schnell hingeworfenen Zeilen reagierte er verzweifelt: „Man brachte mir Dein liebes und inhaltschweres Schreiben lezten Sonntag Morgens um 11 Uhr, gerade da ich aus der Kirche kam. Natürlich nahm ich mir nicht die Zeit, bevor ich es erbrach den Kirchenmantel abzuthun und eine Pfeife anzustecken.“

Auch Luise machte dieser Bruch, auch wenn sie ihn alleine betrieben haben sollte, sehr zu schaffen. Friedrich Theodor Vischer, ein Literatenfreund Mörikes, fand sie bei einem Besuch „wie eine geknickte Blume auf dem Sopha hingegoßen“. Zwölf Jahre später heiratete sie den verwitweten Pfarrer Ernst Heinrich Schall in der Schwarzwaldgemeinde Schöm­­berg und sorgte für den großen Haushalt mit fünf Kindern. Im Jahr 1865 kehrte sie mit ihrem Gatten nahe an den Ort ihrer Jugendliebe zurück. Pfarrer Schall wurde nach Oberlenningen versetzt.

Möglicherweise hat sie von dort aus auch die Kirche in Owen besucht. Bei seinem Antrittsbesuch als junger Vikar hatte der jung verliebte Eduard Mörike in einer Frauenfigur des Flügelaltars „eine rührende Ähnlichkeit mit meiner Geliebten in Haltung, Ausdruck und Scheitelhaar“ erkannt, sodass ihn der „erfrorne alte Pfarrherr kaum mehr von der Stelle brachte“. Gerührt von diesem Anblick gestand er Luise: „Meine liebste Zuhörerin in der Kirche – dacht ich – ist nun schon gefunden. In der That, ich werde nicht leicht die Kanzel besteigen, ohne dieser Gestalt einen geheimen Blick zuzuwerfen.“ Vier Jahre nach diesem Brief sind sie sich nicht mehr unter die Augen gekommen. Ihre Briefe haben sie sich zurückgegeben. Eduards Briefe sind erhalten geblieben, Luises dagegen nicht.

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