Lokale Kultur

Drei Stunden Genuss und musikalische Spannung

KIRCHHEIM Wenn drei Stunden Musik gleichbedeutend sind mit drei Stunden Genuss und musikalischer

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GABRIELE ROLFS

Spannung, so spricht dies für ein gelungenes Konzert. Unter der Leitung von Samuel Kummer führte der Chor der Martinskirche Felix Mendelssohn Bartholdys großes Oratorium "Paulus" auf. Das gemeinsame Musizieren des Chores, der sorgfältig ausgewählten Solisten und des Schwäbischen Kammerorchesters machte aus dem Konzert ein musikalisches Erlebnis.

"Ouvertüre" oder französisch "l'ouverture" heißt eigentlich ganz einfach "Öffnen". Und in dieser Grundbedeutung spielte das Schwäbische Kammerorchester mit Christel Meckelein als erster Konzertmeisterin die Ouvertüre zu Mendelssohns "Paulus". Wie ein Fenster, das am frühen Morgen geöffnet wird, wirkten die ersten tiefen Klänge. Dann setzen höhere Holzbläser ein, erste Sonnenstrahlen am Morgen, der Klang wird voller und der Choral "Wachet auf, ruft uns die Stimme", der sich als eines der Hauptmotive durch das Werk zieht, erklingt wie ein neuer, froher Tag bei weit geöffnetem Fenster.

Wer die Zeit gehabt hatte, in Ruhe die einleitenden Worte Karl-Albrecht Schmauders im Programmheft zu lesen, konnte dem langen Oratorium gut vorbereitet folgen. Die Informationen über den theologischen Schwerpunkt Mendelssohns, der mehrere Jahre lang selbst mit seinem Freund Julius Schubring am Text des Oratoriums gearbeitet hat, die Hinweise auf textliche Details und vor allem die Erläuterung der Struktur des Werkes vertieften das Zuhören.

Schon im Eingangschor des ersten Teils zeigte der Chor die Bandbreite seiner musikalischen Interpretationsmöglichkeiten: "Himmel, Erde und Meer" wurden mit vollem Klang dargeboten, die "Auflehnung der Heiden" schärfer pointiert und die "Freudigkeit" lautmalerisch freudig gesungen. Der Chor der Martinskirche überzeugte insgesamt mit Präsenz und Ausdrucksstärke.

So vermittelte der zentrale Choral des ersten Teils "Dir, Herr, dir will ich mich ergeben" durch seinen warmen und tiefen, sich nach oben öffnenden Klang Geborgenheit, während der Schlusschor des ersten Teils zwischen hellem Klang beim "Reichtum der Weisheit und Erkenntnis Gottes" und dunklerer Färbung bei der Unbegreiflichkeit Gottes changierte. Schön gelangen auch die Chöre 29, 33 und 38, bei denen der Chor das Volk repräsentiert. Im Chor "Siehe! Wir preisen selig die erduldet haben" fiel die gute Begleitung durch das Orchester auf, das dezent und fein in den Violinen und ausdrucksstark in der Bassgruppe spielte.

Doch nicht nur Chor und Orchester überzeugten auch die Partien der Solisten waren ein Genuss. Susan Eitrich, Sopran, sang mit ihrer strahlenden, zugleich tragenden und schwebenden Stimme, die auch in der Höhe nie an Wärme verliert. In den Arien gefiel ihre schöne und persönliche Stimme, während sie in den Rezitativen mit ausdrucksvoller Interpretation beeindruckte. Cecilia Tempesta, Alt, war nur einmal solistisch zu hören, überzeugte an dieser Stelle aber mit ihrem angenehmen Timbre.

Urs Winter, Tenor, war kurzfristig für den erkrankten Sebastian Hübner eingesprungen. Er meisterte diese Herausforderung ohne Probleme, sang klar und ausdrucksvoll in den zahlreichen Rezitativen. Eindrucksvoll gelang die Cavatine im letzten Teil des Oratoriums, von Urs Winter wohlklingend vorgetragen und von Uko Speidel auf dem Cello gekonnt begleitet.

Ein außergewöhnliches Erlebnis verschaffte den Zuhörern der Gesang von Jens Hamann, Bass. Aus den zahlreichen Basssoli sei stellvertretend für die anderen die Arie "Gott sei mir gnädig nach deiner Güte" hervorgehoben. Mit großer Musikalität sang Jens Hamann dieses Gebet als eine eindringliche Bitte, flehend und hoffend zugleich. Seine warme, große Stimme verschmolz Text und Musik zu einer Einheit. Nach dem ersten bittenden Teil der Arie markierte ein Bruch die Schwelle zum aufs Tun ausgerichteten Gebet bei "Denn ich will die Übertreter deiner Wege lehren". Jens Hamann sang mit einer Eindringlichkeit, die jede Distanz des Zuhörers zur Musik aufhob.

Reizvoll waren auch einige solistische Kombinationen im Lauf des Oratoriums. So sangen Jens Hamann und Matthias Baur, Leiter des Schwäbischen Kammerorchesters, zu Beginn des ersten Teils das Bass-Duo "Wir haben ihn gehört Lästerworte reden". Und zweimal waren die vier Solisten gemeinsam als Quartett zu hören, besonders schön dabei vor allem der durch die vier Solisten und den Chor gestaltete zent-rale Choral des zweiten Teils "O Jesu Christe, wahres Licht, erleuchte, die dich kennen nicht".

Viele stimmige Details wären noch aufzuzählen, denn gerade aus diesen setzt sich ja eine runde, gelungene Aufführung zusammen, wie sie Samuel Kummer in der Martinskirche gelang.