Lokale Wirtschaft

Durch Produktionsnischen das Überleben gesichert

Seit fast 130 Jahren werden in Schlierbach Strümpfe produziert. Auwärter & Hilt ist der älteste Industriebetrieb Schlierbachs. Die Firma hat alle Höhen und Tiefen durchgemacht und trotz der Konkurrenz aus Billiglohnländern bis heute ihre Produktion aufrechterhalten können. Dies gelang durch die Umstellung auf Produkte für die Landhaus-, Trachten- und Freizeitmode.

BORIS-MARC MÜNCH

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SCHLIERBACH Wer die Strumpffabrik in Schlierbach besucht, macht eine kleine Zeitreise. Die Grundsteine des Fabrikgebäudes reichen in das Jahr 1876 zurück, als August Auwärter den ersten Industriebetrieb in einem bis dahin von der Landwirtschaft geprägten Dörfchen gründete. Auch durch das Empfangszimmer mit den alten Ledersesseln, dem Bücherschrank und den schwarz-weißen Familienfotos weht der Hauch der Geschichte.

Durch einen langen Gang gelangt man in die Produktion. Hier sind noch voll automatische und mannshohe Strickmaschinen von 1950 in Betrieb. Die ausgeklügelte Technik ist für den Laien kaum durchschaubar. Man blickt in ein Geflecht aus Metallstäben, Kabeln und Trommeln, mit einem Zylinder in der Mitte und staunt, wie die Strumpfrohlinge in langer, aneinanderhängender Kette aus der Strickmaschine kommen.

Die Strümpfe sind mit einem besonderen Trennfaden aneinandergestrickt, der von der Trennerin aus der Ware herausgezogen wird. Für die Wartung und Einstellung der Maschinen ist ein Strickmeister zuständig. Zehn Mitarbeiter beschäftigt die Firma noch. Das war einmal anders. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Schlierbach ein Zentrum der württembergischen Strumpfindustrie. 1928 beschäftigte die Firma August Auwärter in drei Filialen 220 Menschen. Die Produkte waren überall bekannt und begehrt. Inzwischen waren Richard Hilt junior und Gerhard Hilt als Teilhaber in das Unternehmen eingestiegen, Söhne des Richard Hilt, dem Schwager des Firmengründers August Auwärter.

Der schwerste Schlag in der Geschichte der Strumpffabrik war der 20. April 1945. Obwohl der Krieg schon zu Ende war, wurde das Firmengebäude von den einmarschierenden Siegermächten in Brand geschossen. Dabei wurden 80 Prozent der Produktionsmaschinen und der Maschinensaal nahezu komplett zerstört. Nur durch die tatkräftige Unterstützung der noch in Schlierbach verbliebenen weiblichen Beschäftigten konnte das übrige Anwesen noch gerettet werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Produktion wieder Fahrt auf und mit 150 Beschäftigten stieg die Produktion auf über 500 000 Paar Socken. In den folgenden Jahren wirkte sich der enorme Exportdruck aus Billiglohnländern aus. Rationalisierungsmaßnahmen waren die Folge. Anstelle der bisherigen Längenmaschinen wurden Rundstrickmaschinen angeschafft. Nach vielen verlustreichen, zum Teil existenzgefährdenden Jahren ist es im Jahr 2000 gelungen, durch Umstellung auf Produkte für die Landhaus-, Trachten- und Freizeitmode, die Beschäftigung wieder zu steigern.

Wegen des Lohngefälles zu den Billigstandorten in Fernost und später in Osteuropa habe sich der Kauf von neuartigen, computergesteuerten Maschinen bis zum heutigen Tag nicht rentiert, sagt Ulrich Hilt, der zusammen mit seiner Schwester Gisela seit 1987 die Geschäfte der Firma Auwärter & Hilt GmbH leitet.

Eine Maschine koste 30 000 Euro. "So viel kann man in Deutschland mit Strümpfen nicht mehr verdienen," sagt Hilt. In der Nische kommt man über die Runden, wie etwa mit der Herstellung von speziellen Socken, die bei Zehenamputation verwendet und in ganz kleinen Stückzahlen produziert werden.