Lokale Kultur

Dynamik und Musizierlust

KIRCHHEIM Blitz und Hagel verderben dem Volkshochschulorchester die Laune nicht, wenn sein Serenadenkonzert nicht im Schlosshof, sondern in der Martinskirche erklingt. Mit großem Einsatz und einem Funken Risikobereitschaft erarbeitete Joachim Stumber wieder ein

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PATRICK TRÖSTER

anspruchsvolles Programm, das in dieser Fülle und Güte nur wenige Laienorchester bewältigen. Dabei ist Antonio Sacchinis Ouvertüre zur Oper "Edipo a Colona" nicht nur ein Glücksgriff in der Programmauswahl, sondern diese spritzige Opernmusik Gluck'scher Prägung und italienischer Eleganz fordern technisch und emotional das ganze Orchester. Ein zügiges Tempo, feine Lautstärkenkontraste und ein charaktervolles Herausarbeiten der Themenblöcke stimmen Orchester und Publikum auf das genussreiche Serenadenkonzert ein.

Der erste Höhepunkt ist die Fagottistin Ann-Katrin Zimmermann mit Wolfgang Amadeus Mozarts humorvollem Fagottkonzert K.V. 191 in B-Dur. Der Solistin ist das Schalkhafte ins Gesicht geschrieben, lässt sie doch keine Gelegenheit aus, ihr Fagott in allen Lagen behände vorzustellen und sich im eigenen Rohrblattglanz zu sonnen. Ein runder, ausgeglichener Ton, weich und biegsam, mit sanften Klangwölbungen, knorrig in der Tiefe und schmeichelnd in der Falsettlage, kennzeichnet Ann-Katrin Zimmermann. Ihr musikantisches Wesen kommt dem verspielten Fagottkonzert Mozarts sehr entgegen. Im Eröffnungssatz dringt sie weitschwingend in Mozarts Melodienwelt ein und krönt ihn mit einer weiträumigen Kadenz, in der sie Umbiegungen der harmonischen Schlüsseltöne augenzwinkernd a la Mozart, eingebettet in verzückendes Passagenwerk, vornimmt. Im langsamen zweiten Satz finden Orchester und Fagott zu einem gemeinsamen sanft durchschwingenden Canto, der auch klanglich fein ausbalanciert wird.

Gar eine sportliche Note fügt Ann-Katrin Zimmermann dem menuetthaften Rondo als Finale an, wenn ihre burlesken Triolenfiguren spritzig erklingen, gewürzt mit feinem bukolischem Witz.

Für Edvard Griegs neobarocke kniffelige Streichersuite im alten Stil op. 40 "Aus Holbergs Zeit" benötigte das Orchester seine ganze Konzentration. Mutig und beherzt schafft es Joachim Stumber dank der Griffigkeit der fünf Tanzsätze, einen großen Bogen zu spannen. Im Präludium hält er die Fäden der melodischen Linien streng zusammen, die Wendungen der Sarabande werden eigenartig herausgearbeitet, die Volkstümlichkeit der Gavotte-Musette klingt rustikal, die berühmte Air mit den einerseits klagenden und andererseits tröstenden Melodien kulminiert in Dramatik, während das Orchester im abschließenden Rigaudon mit seinen Offbeatpizzecati und herzhaften solistischen Kadenzen gespielt von Ernst Kemmner, Violine, und Renate Kohn, Viola einen überraschenden Schlusspunkt setzt.

Mit dem Fragment Menuett und Allegro D. 72, einer achtstimmigen Harmoniemusik des jungen Franz Schubert, gelingt der Bläserriege des vhs-Orchesters eine Überraschung im Programm. Selbst Schubert-Kennern dürfte dieser Torso unbekannt sein. Mit viel Ausgewogenheit zelebrieren die Holz- und Blechbläser die harmonischen Wendungen des jugendlichen Schubert mit dem unbeschwerten Schwung eines abendlichen Ständchens. Für Joseph Haydns Sinfonie Nr. 88 in G-Dur vereint sich das ganze Orchester wieder und tritt in voller Besetzung auf. Da kann es noch einmal alle seine Register ziehen und sich in die Herzen der Zuhörer spielen. Die ausladende Einleitung wurde spannend ausgeleuchtet und das anschließende zupackende Allegro sprudelnd im vollem Tutti mit ungarischem Akzent dargeboten. Im variativen zweiten Satz ergänzen sich feine Holzbläserklänge und weichen Pizzecati, die mit erschreckenden Einbrüchen Haydnscher Prägung dramatisiert werden. Das unbeschwerte Menuett samt rumänisch anmutendem Trio gelingt als sorgloses k.u.k.-Schmankerl, um mit umso mehr spirito ins Allegro einzusteigen. Mit Dynamik, klassischer Musizierlust, sanglichen Seitenthemen und neckischen Kanons, verknüpft mit spannungsgeladenen Übergängen, strebt Joachim Stumber die Höhepunkte des Finales an. Glückliche Gesichter der Musici zeigen: Es lohnt sich wieder einmal, alles zu geben.