Lokale Kultur

Ein falsches Bild löst die Tragödie aus

KIRCHHEIM Wenn eine Geschichte "in epischer Breite" erzählt wird, bedeutet das, dass sie viel Zeit beansprucht. Der Vortragende und

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ANDREAS VOLZ

sein Publikum benötigen einen langen Atem und große Ausdauer. Vor 800 Jahren waren Zeit und Ausdauer sicherlich noch in weitaus stärkerem Maße vorhanden. Trotzdem gibt es auch heute noch einige wenige Inseln, auf denen es ausreichend Zeit, Muße und Ausdauer gibt, um sich ungebremst und ungehemmt der Lust an der epischen Breite hinzugeben. Eine dieser Inseln ist die Buchhandlung Zimmermann, und ihr uneingeschränkter Herrscher heißt Dr. Horst Zimmermann. Sein treues "Inselvolk" kam nun bereits zum vierten Mal in seiner Kirchheimer Buchhandlung zusammen, um in die Welt des Nibelungenlieds einzutauchen.

"Die 10. Aventiure haben wir schon hinter uns", sagt Horst Zimmermann einleitend zum aktuellen Stand des Langzeitseminars. Ziel und Höhepunkt des Abends ist die 14. Aventiure der berühmte Streit der Königinnen. Schon allein dieses Thema ist ein Beleg für Dr. Zimmermanns weiteren Ausblick: "Von ,küener recken strîten' ist da immer noch nicht die Rede." Ritterlich-höfisches Geschehen stehe nach wie vor im Vordergrund. Gleichwohl schafft der unbekannte Nibelungendichter hier die Voraussetzungen für das folgende schreckliche Geschehen, bis hin zum Gemetzel in König Etzels Land.

Die Voraussetzungen für den folgenschweren Streit der beiden Königinnen schafft der Dichter wiederum ganz den epischen Prinzipien verpflichtet lange vor dessen eigentlichem Ausbruch. Es geht um die Vorspiegelung falscher Tatsachen: Zweimal musste Siegfried seinem künftigen Schwager Gunther helfen, die isländische Königin Brünhild zu bezwingen. Siegfried bot seine Hilfe gerne an, wollte er somit doch erreichen, dass Gunther ihm zum Dank seine Schwester Kriemhild zur Frau gibt. Um wiederum Brünhilds Aufmerksamkeit von sich auf Gunther zu lenken, gab er sich als dessen Vasall aus, und das in Wort und Tat.

Daraus sollte noch viel Unglück entstehen, was zu erwähnen der Dichter in diesem Fall und in vielen anderen Fällen nicht müde wird: Ein guter Teil der jeweils besonders akzentuierten vierten Verse in der charakteristischen vierzeiligen Kürenberger- oder Nibelungenstrophe schließt mit düsteren Voraussagen des allwissenden Erzählers ab. Nahezu jeder Handlungsstrang endet mit einem solchen Hinweis auf die spätere Katastrophe und trägt somit dazu bei, dass der Weg in den unvermeidlichen Untergang immer seine folgerichtige Fortsetzung findet. Dabei gibt es auch kleinere, manchmal nur scheinbare Irrwege und Parallelhandlungen, deren Beziehungen zueinander sich erst später aufklären.

Auf diese Parallelhandlungen verweist Dr. Horst Zimmermann seine aufmerksamen Zuhörer ebenso wie auf die nahezu filmische Umsetzung dessen, was er als die "Strategie der Blicke" bezeichnet. Eine der spannendsten Fragen nach dem Handlungsverlauf stellt sich für Zimmermann wie folgt: "Wie wird hier beobachtet und verglichen?" Und dabei geht es nicht nur um die persönlichen Blicke einzelner herausragender Gestalten, um die "Nahaufnahmen" also, sondern auch um die "Massenszenen": "In höfischen Erzählungen ist alles öffentlich, wie auf einer Schaubühne. Der Streit der Königinnen hat vor allem dadurch sein Gewicht, dass alles vor den Augen des Hofes geschieht. Die Kontrahentinnen können nicht mehr zurück."

Ursache für den Streit ist Brünhilds falsches Bild von Siegfried. Nie wurde sie darüber aufgeklärt, dass er Gunther ebenbürtig und ihm nicht nur an Kraft überlegen ist, sondern auch an Geld, Macht und Einfluss. Brünhild hält Siegfried also immer noch für einen Dienstmann Gunthers. Deshalb ist es für sie aus ihrem höfischen Standesdenken heraus auch völlig unerklärlich, warumGunthers Schwester Kriemhild mit einem Vasallen verheiratet wurde. Siegfrieds höfisches Verhalten steht ihm unter diesem Gesichtspunkt schlichtweg nicht an. Und weil eine Frau in der mittelalterlich-höfischen Welt nur so viel gilt wie ihr Mann, verhält sich auch die Königstochter Kriemhild in den Augen ihrer Schwägerin ungebührlich, weil sie denselben Rang beansprucht wie Brünhild und ihr sogar den Vortritt beim Kirchgang streitig macht.

In Rede und Gegenrede führt Horst Zimmermann akribisch vor, wie sich der Streit hochschaukelt, bis er in dem Vorwurf Kriemhilds gipfelt, dass Brünhild die "Kebse" Siegfrieds sei. Zum Beweis präsentiert sie Ring und Gürtel zwei Trophäen, die Siegfried unerkannt der widerspenstigen Brünhild abgenommen hatte, als er sie Gunther zuliebe zähmte. Auch wenn Dr. Zimmermann auf die Feststellung Wert legt, dass Siegfried Brünhild nicht berührt habe: Für die handelnden Personen stellen sich die Tatsachen augenscheinlich anders dar. Daraus resultiert letztlich Hagens Plan, seine Herrin Brünhild durch die Ermordung Siegfrieds zu rächen. Hagen greift somit massiv in den Gang der Handlung ein, weshalb Dr. Zimmermann sein Publikum darüber aufklärt, dass diese Aventiure nicht nur einen der Höhepunkte des Nibelungenlieds beinhaltet, sondern auch die Peripetie: "Da wird die Geschichte zur Tragödie." Und bis zu deren bitterem Ende fehlen jetzt "nur noch" 25 Aventiuren.