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"Ein Genie darf alles und Brecht erst recht"

KIRCHHEIM Bereits zum dritten Mal gastierte Sonja Kehler im club bastion und war dafür eigens aus Dänemark angereist. Gemeinsam mit

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USCHI NEROLADAKIS

Milan Samko, ihrem Begleiter am Klavier, präsentierte sie das Programm "Wie man sich bettet, so liegt man", mit Liedern und Texten von und über Bertolt Brecht. Dabei ging es vor allem um Brecht und Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Es gab zahlreiche Frauen, die mit ihm lebten und arbeiteten, ihm aber auch literarisch zuarbeiteten. Dazu gehörten Paula Banhofer, Helene Weigel, Ruth Berlau, Marianne Zoff und Margarete Steffin um nur einige zu nennen.

Ein weites Feld sei das, meinte Sonja Kehler, die mit Büchern und Manuskriptseiten auf die Bühne kam, um das Publikum aufs Beste mit Gedichten, Zitaten und Liedern zu unterhalten. Die musikalischen Darbietungen begannen mit der "Ballade vom angenehmen Leben" und dem "Finale" aus der Dreigroschenoper. Sonja Kehler, Jahrgang 1933, lernte Bertolt Brecht noch persönlich kennen und galt in der DDR als renommierte Schauspielerin, Milan Samko war dort ein gefragter Studiomusiker, und so ließ die lange Zusammenarbeit der beiden Künstler an diesem Abend auch Raum für spontane Aktionen. Gedanken über die Bedeutung des Geldes führten zum "Kanonensong", zu dem sich aktuelle Bezüge herstellen ließen. Sonja Kehler sang und spielte mit großer Intensität, mühelos kam sie mit dem Publikum in Kontakt und überzeugte durch starke Bühnenpräsenz.

Die Fragen "Wer war Brecht? Wie war er als Mensch?" wurden von ihr mit Auszügen aus Briefen und allerlei amüsanten Anmerkungen und Anekdoten beantwortet, und das Publikum erfuhr so nebenbei, dass das Genie zwar keine Feiertage kennen wollte, aber auf einem Weihnachtsbaum bestand und Whisky nur im Londoner Nebel trank. Außerdem wollte Brecht behalten, was er einmal hatte vor allem Frauen, und so spielten in seinem Leben häufig mehrere Frauen gleichzeitig eine Rolle, zu denen er angeblich auch immer ehrlich war auf seine Weise. Doch wie Sonja Kehler betonte: "Ein Genie darf alles und Brecht erst recht." Brecht war wohl auch ein romantischer Mensch, der mit seinen Geliebten gerne den Sternenhimmel betrachtete und Liebesbriefe und Liebesgedichte verfasste für wechselnde Adressatinnen. Dies demonstrierte die Künstlerin anhand von Briefen und Geschichten, die sie mit einem kleinen Augenzwinkern vortrug. Gut dazu passte dann "Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens". Das Lied der "Seeräuberjenny" und auch die "Mahagonny-Lieder" interpretierte Sonja Kehler in ihrer mitreißenden Art, und Milan Samko ließ gelegentlich anklingen, dass er sich im Jazz- und Bluesbereich mindestens genauso wohlfühlt wie bei Weill und Eisler.

Nicht fehlen durfte auch "Surabaya-Johnny" und schließlich noch das "Lied von der harten Nuss", das Sonja Kehler mit ihrer klaren, ausdrucksvollen Stimme und entsprechender Dramatik vortrug. Mit einem "brillanten Kinderlied" von Hanns Eisler, das ein Holzbein und einen Hausschlüssel zum Inhalt hatte, beendeten die beiden Künstler einen beeindruckenden, musikalischen Theaterabend.