Lokale Kultur

Ein Gesamtkunstwerk vom Feinsten

KIRCHHEIM "Glanzrevue" ist der passende Begriff für das, was Timo Brunke und dem Sing-Out-Chor unter der Leitung von Bertram Schattel am Samstagabend in der

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GABRIELE ROLFS

Kirchheimer Stadthalle gelungen ist. Angefangen bei den Eintrittskarten und dem Programmheft, deren Layout sich im Bühnenbild wiederfand, war alles bis ins Detail ausgefeilt.

Die Damen des Chores betraten die Bühne mit Netzkappen, Glitzerschals und ellbogenlangen Handschuhen, die Herren traten mit Zylinder oder Schiebermütze auf. Sogar die Damen des kleinen Orchesters, das dezent und professionell begleitete, hatten sich auf die Mode der 20er-Jahre eingestellt. Der Kapellmeister Bertram Schattel führte seinen auswendig agierenden Chor sicher durch den Abend. Und da bei einem Varietéprogramm ein Conférencier nicht fehlen darf, übernahm Timo Brunke diese Aufgabe, bereitete assoziativ auf die Stücke vor und verband das Ganze zu einem Gesamtkunstwerk vom Feinsten. Sein Motto lautete "Sind uns die 20er-Jahre so nah wie immer behauptet wird?"

Der erste Blick galt der Stimmung im Berlin dieser Zeit. Mit "Puttin on the Ritz" wurde die Modebewusstheit der Zeit genauer unter die Lupe genommen. Bei einer textlichen Betrachtung von "In the Mood" verwies Timo Brunke auf den Dadaismus, der in den 20er-Jahren entstand. Ebenfalls "dada" erscheint die "Sprechfuge" von Ernst Toch, bei der der Chor zeigte, dass er nicht nur ausgesprochen sing-, sondern auch sprechfähig ist. Ausdrucksstark gelang "In der Bar zum Krokodil", ein erotischer Song der 20er, der mit der spielerischen Leichtigkeit der "roaring twenties" gesungen wurde. Sozialkritische Töne aus der Dreigroschenoper, von Timo Brunke gesungen, rundeten das Zeitbild ab. Der nächste Programmteil lautete frei nach Gershwin "Ein Amerikaner in Berlin". Bei "Begin the Beguine" traten neben Chor, Orchester und Conférencier nun auch Tänzer und fügten der Revue so einen weiteren Mosaikstein hinzu.

Unter dem Titel "Die Geburt der modernen Venus" waren die nächsten Werke der Frau in den 20er-Jahren gewidmet. Timo Brunke fasste diesen Programmteil unter dem Motto zusammen "Die moderne Frau ist eine Erfindung der 20er-Jahre": Sie raucht, fährt Auto, geht arbeiten und geht fremd. Und woran liegt das Moderne an der modernen Frau? Am wachsenden Anspruch. Und was bedeutet dies für den Mann? Stressfaktor zehn, also die moderne Frau. Frauen und Männer wurden in Liedern wie "Ich hab das Fräulein Helen baden sehn" oder "Was machst du mit dem Knie lieber Hans" genauer betrachtet. Beziehungen standen sowohl in Brunkes solistischer Darbietung von "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", in "Wochen-end und Sonnenschein" als auch in "Veronika, der Lenz ist da" (Männerchor) im Mittelpunkt. Und wie immer durchzogen Brunkes humorvoll-spritzige Anmerkungen die Aufführung.

Besonders hervorgehoben werden soll an dieser Stelle noch die Darbietung von "Ein Freund, ein guter Freund", die ausgesprochen fein ausgearbeitet, abwechslungsreich und durchsichtig war.

Die 20er-Jahre waren ein Tanz auf dem Vulkan, und dieser ausgelassenen Zeit folgten geschichtliche Schatten. Im Programmheft wird ausführlich darauf hingewiesen, wie viele der Lieder und Texte aus den 20er-Jahren von jüdischen Textern und Komponisten stammen und was mit diesen im Dritten Reich geschah. Musikalisch folgte im Konzert auf das operettenhafte "Im weißen Rössl" "Adieu, mein kleiner Gardeoffizier" die Stimmung wurde deutlich nachdenklicher. Doch der Wahn ging vorbei, und noch heute sind die Lieder der damaligen Zeit unverwüstlich. An mancher Stelle können sie ein wenig umgedichtet werden und schon entstehen Schlager des 21. Jahrhunderts was Bertram Schattel und Timo Brunke sich natürlich nicht nehmen ließen. Ohne Zugabe konnte dieses Konzert nicht enden, und so erklang am Schluss der Revue noch "Caravan", mit dem der Chor noch einmal seine große musikalische Präsenz zeigte.