Lokale Kultur

Ein großer Tag für ein kleines gallisches Dorf

KIRCHHEIM Ein unbeugsamer Gallierhäuptling fürchtet bekanntlich nur eines: dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Und vom morgigen Freitag an besteht diese Gefahr

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ANDREAS VOLZ

im Universum der Asterix-Anhänger sogar in stärkerem Maße als jemals zuvor in den vergangenen 46 Jahren, seit der kleine, blonde Krieger und sein gut entwickelter Freund mit den längsgestreiften Hosen erstmals an die Öffentlichkeit getreten sind. "Le ciel lui tombe sur la tête" (wörtlich übersetzt: "Der Himmel fällt ihm auf den Kopf") so lautet der Originaltitel des neuesten Abenteuers, dessen Erstverkaufstag morgen weltweit für Aufregung unter der eingefleischten Asterix-Leserschar sorgen wird.

Zu dieser Spezies zählt auch Ralf Bauer von der Kirchheimer Bücherstube, der sich den neuen Band eher früher als später zu Gemüte führen will. "Die echten Fans werden ihn sicher kaufen", beurteilt er die Marktlage und kommt dann auf den kritischsten Punkt zu sprechen: die endlose Diskussion um die inhaltliche und sprachliche Qualität der Comic-Abenteuer seit 1977, als der unersetzliche René Goscinny seine scharf gespitzte Schreibfeder endgültig aus der Hand legen musste. "Viele waren in den letzten Jahren enttäuscht", sagt Ralf Bauer, fügt aber sofort hinzu: "Es ist trotzdem noch ein großes Vergnügen, die Geschichten zu lesen." Den französischen Titel der mit großer Spannung erwarteten Neuerscheinung hält er zwar für interessanter als die deutsche Titelversion, aber zugleich muss er einräumen: ",Gallien in Gefahr' ist wohl doch ein griffigerer Titel als ,Der Himmel fällt ihm auf den Kopf'."

Ob der Ansturm morgen so groß wird, dass dem Personal in Buchhandlungen, Zeitschriftenläden, Kiosken oder Supermärkten der Himmel auf den Kopf zu fallen droht, ist indessen fraglich. "Als Fan muss man natürlich alle Bände haben", weiß auch Anette Leiser von der Buchhandlung Schieferle um die magische Zugkraft, die von der Ankündigung eines neuen Asterix-Abenteuers ausgeht und die alle treuen Leser zu den Verkaufsständen locken wird wie Obelix zu einem Wildschwein. Dennoch unterscheidet sich die Magie, die Miraculix in großen Töpfen zusammenbraut, deutlich von derjenigen, die in einer anderen Fantasiewelt gelehrt wird im Zauberinternat Hogwarts. "Morgen gibt es kein Event, das mit ,Harry Potter' vergleichbar wäre. Dafür ist Asterix zu wenig in der Werbung", beugt Anette Leiser falschen Erwartungen vor.

"Auch auf Asterix warten Fans, aber nicht so viele wie bei ,Harry Potter'", stößt Roland Schöllkopf ins gleiche Horn. Dass in Kirchheim und Umgebung durchaus Asterix-Fieber grassiert, zeigen bereits die Vorbestellungen, die er schon allein für die französische Ausgabe entgegengenommen hat. Trotzdem wird es auch hinsichtlich der Verkaufszeiten morgen gesitteter zugehen als jüngst bei Harry Potter und dem Halbblutprinzen. "Da wird niemand bei Nacht den Laden aufmachen", mutmaßt Roland Schöllkopf über den großen Tag für das kleine gallische Dorf.

Auch die Buchhandlung Zimmermann fährt morgen keine Sonderschicht. "Es gibt keine Extra-Aktion", berichtet Sibylle Mockler im Vorfeld. Immerhin plant sie, für die gallischen Helden im Lauf des Tages ein eigenes Schaufenster herzurichten. An "Pottermania" ist deswegen aber noch lange nicht zu denken. Das würde auch gar nicht zur Zielgruppe passen. "Bei Asterix haben wir ein ganz anderes Publikum, auch viele ältere Herrschaften", sagt Sibylle Mockler über einen der größten kulturellen Exportschlager aus Frankreich und seine vielen Anhänger diesseits des Rheins.

Ein Problem teilen sich übrigens alle Geschäfte mit ihren Kunden: das lange Warten auf Asterix. Band 33 wird für die Verkaufsstellen in aller Welt frühestens heute vom Himmel fallen, wenn nicht gar erst morgen. Bevor das strengstens gehütete Geheimnis um den Inhalt des "fallenden Himmels" gelüftet wird, bleibt für die wahren Experten also noch genügend Zeit, über der Frage zu grübeln, wie es zu der Schnapszahl 33 kommen kann, wo doch Albert Uderzos bislang letzter Band "Asterix und Latraviata" eindeutig die Nummer 31 trägt. Des Rätsels Lösung findet sich unter anderem auf der Internetseite www.asterix.de: Nach 31 durchnummerierten Comic-Alben wurde die Kurzgeschichtensammlung "Asterix plaudert aus der Schule" kurzerhand in die fortlaufende Reihe eingeschoben und als Sonderband mitgezählt.

Aber so wie es für Obelix keine Rolle spielt, ob das von ihm entdeckte "singularis porcus" noch im Wald herumläuft oder bereits das Festbankett bereichert, so dürften solche Spitzfindigkeiten auch die Käufer nur am Rande interessieren. Ob sie morgen eine Paperback-Ausgabe oder ein gebundenes Exemplar von Band 33 ergattern, braucht sie ebenso wenig zu kümmern. Wichtig ist nur, dass die Gefahr für Gallien auch dieses Mal gebannt wird, dass am Ende für (fast) jeden ein Platz beim Festmahl unter dem sternenglänzenden gallischen Himmel reserviert ist, dass dieser Himmel niemandem auf den Kopf fallen möge und dass die internationale Fangemeinde eines Tages möglichst auch noch auf Band 34 und 35 anstoßen kann mit Ziegenmilch oder lauwarmer Cervisia.