Kirchheim

Ein Hauch von Sicherheit

Sparkassenversicherung bietet Kunden im Raum Esslingen einen neuen Internet-Schutz an

Viren und Datenklau sind auf dem Vormarsch. Die Sparkassenversicherung reagiert mit einem „Internet-Schutz“, doch Experten sehen das kritisch.

Im Internet wimmelt es nur so von Würmern und Viren: Kein Wunder, dass sich viele Nutzer nach Sicherheit sehnen. Foto: Carsten R
Im Internet wimmelt es nur so von Würmern und Viren: Kein Wunder, dass sich viele Nutzer nach Sicherheit sehnen. Foto: Carsten Riedl

Kreis Esslingen. Mutter shoppt im Internet, Vater liest die Nachrichten lieber online als auf Papier und die Kinder eifern auf Facebook nach „Gefällt-mir“-Klicks. Die Möglichkeiten, das Internet zu nutzen, sind vielzählig. In vielerlei Situationen hat es die herkömmlichen Wege abgelöst, ist Laden, Post und Bank zugleich. Doch das Potenzial im Netz haben längst nicht nur Geschäfte für sich entdeckt, sondern auch Kriminelle. Viren werden immer ausgefuchster, komplexer, gieriger und können inzwischen in E-Mails versteckt auch große Unternehmen in die Bredouille bringen.

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Dass sich im unübersichtlichen Internet viele Menschen nach mehr Sicherheit sehnen, hat jetzt die Sparkassenversicherung (SV) erkannt. Seit einigen Wochen flattern Werbeschreiben in die Briefkästen im Landkreis Esslingen. Der „Internet-Schutz“ verspricht Kunden Assistenz und finanzielle Hilfe. Diese Art der Versicherung ist neu. Zuvor gab es das Angebot höchstens in Kombination mit anderen Versicherungen.

Es scheint verlockend: Bekommt man bei Ebay seine Ware nicht, verspricht die SV einzuspringen, wird das Kind im Internet gemobbt, zahlt sie die psychologische Beratung, lädt jemand bei Facebook unpassende Bilder von einem hoch, kümmert sie sich ums Verschwinden. Doch der Service hat seine Grenzen. Tatsächlich bietet Ebay selbst auch schon einen Käuferschutz an, die genannte psychologische Erstberatung ist auf 300 Euro im Jahrbegrenzt, und auch bei vielen sozialen Netzwerken hat der Nutzer selbst genügend Möglichkeiten, seine Privatsphäre zu schützen.

Was in jedem Fall bleibt, ist die Versicherung als helfende Hand. „Die Anfragen kommen eher von unerfahrenen Nutzern, meistens zwischen vierzig und fünfzig Jahren“, erklärt der Projektleiter Patrick Flamme von der Sparkassenversicherung. Die SV vermittelt die Probleme vor allem an professionelle Agenturen. Profis bräuchten diese Hilfe nicht. Sie wissen selbst, an welche Stellen sie sich wenden können. Patrick Flamme hat vor allem Frauen als Zielgruppe im Blick. Denn laut einer SV-Umfrage finden 81 Prozent das Thema Schutz im Internet wichtig. Unter Männern sind es lediglich 68 Prozent. In der Esslinger Filiale der Kreissparkasse bleibt der Run auf das Angebot noch aus. Trotzdem erkennt sie das Interesse am Thema.

Auch andere Versicherungen wie die DEVK und R+V sind schon auf den Zug aufgesprungen. Experten wie der Netzwerk-Administrator Kurt Jaeger vom Internet-Dienstleister Nepustil in Bempflingen sehen solche Angebote jedoch kritisch. „Die richtig heftigen Probleme sind damit nicht gelöst und werden auch nicht gelöst“, sagt Jaeger. Grund: Aus technischer Sicht könnten selbst die Besten wenig gegen die Tücken des Internets unternehmen. Die Chance auf Datenrettung nach einem sauberen Hackerangriff nennt er „irrelevant klein“. Fragt man beim PC-Spezialisten Comp & Phone in Kirchheim nach, kriegt man eine ähnliche Antwort: „Eigentlich unmöglich.“ Der Respekt vor der rasanten Entwicklung der Viren ist groß. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb des nächsten Jahres noch Opfer eines Hacker-Angriffs zu werden, beziffert Jaeger auf eins zu zehn.

Was kann man also tun, damit man gar nicht erst zum Opfer wird? „Um sicher zu surfen, müsste man sich so viele Jahre in das Thema einarbeiten, dass Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis mehr stehen“, sagt Jaeger. Eigentlich besitzt jeder Internet-User etwas, was ihn als Opfer interessant macht – sei es der Twitter-Account mit einigen Followern, die Daten auf Facebook oder die Bankdaten. Alles hat einen Wert. Der Experte rät dazu, selbst für professionelle Backups zu sorgen und potenzielle Viren-Überträger wie USB-Sticks zu meiden. Halbwegs sicher könne sich nur fühlen, wer einen Computer ohne Netz-Anschluss besitzt. So macht er es selbst. Allen anderen bleibt nur eines: abwarten und hoffen.

Das sagt die Verbraucherzentrale

Kleines Risiko im Netz: Das Risiko, im Internet betrogen zu werden, ist laut Dr. Peter Grieble von der Verbraucherzentrale in Stuttgart relativ gering. Zwar wurde laut einer Studie schon jeder zweite Nutzer einmal Opfer von Online-Kriminalität, doch die Kosten für den Geschädigten halten sich meist in Grenzen. Für die Relevanz einer Versicherung sei der mögliche Schaden der springende Punkt, nicht etwa die Häufigkeit.

Luxusprodukt: Man kann sich nicht alles leisten. Laut Grieble haben deshalb andere Versicherungen Vorrang: Wer keine Haftpflichtversicherung habe, müsse sich um den Internet-Schutz erst gar nicht kümmern. Grund: Passiert etwas am eigenen Haus, sind die Kosten und das Risiko um ein Vielfaches höher. Den Internet-Schutz betrachtet er eher als nützliche Hilfe, wenn Verbraucher nicht wissen, wohin mit ihren Problemen.

Technisch begrenzt: Aus technischer Sicht sind die Möglichkeiten der Internet-Versicherung sehr begrenzt. Wenn beispielsweise ein Virus die Daten auf dem Computer zerstört hat, kann in manchen Fällen auch die Versicherung nichts ausrichten. Diese übernimmt lediglich die Kosten bis zu 2 000 Euro. Sinnvoll sei das Angebot für Menschen, die auf jeden Fall versuchen wollen, ihre Daten zu retten – egal, wie‘s ausgeht.

Katze im Sack: Die Sparkassen-Versicherung vermittelt Probleme an entsprechende Agenturen: Machen diese Agenturen ihren Job gut, profitiert der Kunde im Schadensfall. Wenn nicht, schmeißt er sein Geld raus und hätte sich besser eigenständig auf die Suche nach Experten machen können. Eines sei klar: Bei 49 Euro Jahresbeitrag kann die Versicherung nicht mit großem Füllhorn das Geld ausschütten. mona