Lokale Kultur

Ein hölzerner Kleiderbügel als Erinnerungsstück

KIRCHHEIM "Albert Salmon, Kirchheim/Teck, Dettingerstraße, Spezialhaus für Herren- und Knabenbekleidung" stand auf dem hölzernen Kleiderbügel, den die Stadtführerin

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UTE FREIER

Brigitte Kneher den Teilnehmern zeigte. "Das ist übrig geblieben", erkärte sie den rund 25 Interessierten, die sich am Samstagnachmittag am Max-Eyth-Haus zu der Sonderführung "Juden in Kirchheim" eingefunden hatten. "Auch in der Geschichtsausstellung im Kornhaus erinnert nichts an die Juden, die einst in Kirchheim lebten". Doch Wissen sei notwendig, fügte sie hinzu und deutete hinüber zur Martinskirche, an deren Wand ein Hakenkreuz hingeschmiert war.

Erste Station auf der Suche nach jüdischen Spuren war die Marstallgasse, wo, wie eine Urkunde aus dem Jahr 1329 beweist, im Mittelalter eine Judenschule stand. Die drei notwendigen Voraussetzungen für die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde waren hier gegeben: nahe beim Stadttor, nahe bei einer wichtigen Straße und nahe beim Wasser. Zum Oberen Tor waren es nur wenige Meter, ebenso zur Marktstraße, und die Lauter füllte den benachbarten Wassergraben des Schlosses. Die jüdische Gemeinde lebte hier bis 1348/49, bis in Europa eine Pestepidemie ausbrach. Den Juden wurde die Schuld daran gegeben; sie hätten die Brunnen vergiftet, wurde behauptet.

"Das gibt es doch nicht", war der Kommentar einer der Teilnehmerinnen, als Brigitte Kneher aufzählte, welche Auswirkungen diese Behauptung auf das Schicksal der Juden in den nächsten Jahrhunderten hatte. Die Juden in Mitteleuropa wurden verfolgt, viele wurden getötet, auch die kleine Kirchheimer Gemeinde wurde vernichtet. Überlebende Juden wurden rechtlos: sie hatten kein Recht, Grund zu besitzen, Waffen zu tragen, Handwerker oder Bauer zu sein. Nur der Handel stand ihnen offen. Sie wurden zu "Unbehausten", die herumzogen als Kesselflicker und "Schacherjuden". 1492 verwies der württembergische Graf Eberhard im Bart alle Juden des Landes.

Kamen in den folgenden Jahrhunderten einzelne Juden nach Kirchheim, wurden sie in der so genannten Heidenschaft untergebracht, den Häuserzeilen zwischen Rossmarkt und Schweinemarkt. "Hier lebten sie ohne Rechte", berichtete Brigitte Kneher, "und ohne Zugang zu frischem Wasser." 1826 veränderten die Emanzipationsgesetzte die Situation der Juden: sie bekamen die bürgerlichen Rechte und wurden gleichgestellt. Ab 1896 ließen sich jüdische Familien in Kirchheim nieder, wo es auf Grund der Märkte die Möglichkeit gab, Handel zu treiben. Sieben Familiennamen zählte Brigitte Kneher auf: Bernstein, Hirsch, Kahn, Reutlinger, Salmon, Stern, Vollweiler. Die Familien waren teilweise verwandt, sie halfen sich bei der Ausbildung der Kinder, sie trafen sich im Betsaal, der sich im Obergeschoss der Kleiderfabrik Salmon in der Schlierbacher Straße befand, und sie engagierten sich in den Vereinen.

"Das ist Herr Albert Salmon", erzählte die Stadtführerin bei der nächsten Station des Stadtrundgangs in der Dettinger Straße und hielt ein Foto hoch. "Er war bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Turnverein. Das ist sein Bruder Emil, der im 1. Weltkrieg kämpfte und dabei seinen Arm verlor. Er glaubte deshalb in der NS-Zeit nicht, dass er in Gefahr ist, er hatte doch für das Vaterland gekämpft." In der Dettinger Straße eröffnete im Jahr 1911 Albert Salmon sein Herren-Kleidergeschäft. "So sah das Haus damals aus," sagte die Stadtführerin und zeigte Fotos herum, "und das war die Eröffnungsanzeige im Teckboten."

Auch bei den anderen Wohnhäusern, die im Verlauf des Stadtrundgangs aufgesucht wurden, stellte die Stadtführerin durch Fotos die einzelnen Familienmitglieder vor. So bekamen die Schicksale der 29 jüdischen Personen, die bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 und der damit beginnenden Entrechtung und Enteignung der Juden in der Stadt lebten, ein Gesicht: Die in der Jesinger Straße lebende Familie des Viehhändlers Reutlinger, der niemand mehr Vieh verkaufen durfte; die Familie des Viehhändlers Vollweiler, die ihr Geschäft, ihr neu bezogenes Haus in der Stuttgarter Straße und alle Wertsachen abgeben musste und nur noch das Notwendigste behalten durfte wie einen warmen Mantel und ein Besteck pro Person; der Sohn Kurt Vollweiler, der als Mitglied der Fußball-Mannschaft nicht mehr mit seinen Vereinskameraden gleichzeitig auf das Sportfeld einlaufen konnte, da er als Jude beim "deutschen Gruß" nicht mitmachen durfte und der sich vom Sport zurückzog, um seine Kameraden nicht in Schwierigkeiten zu bringen; die Familie des Viehhändlers Kahn, deren Besitz versteigert wurde; die Familie Stern seit 1926 Besitzer des Kaufhauses Bernstein in der Max-Eyth-Straße , die ab 1933 überwacht wurde und vor deren Geschäft ein SA-Mann postiert wurde, um die Bürger vom Einkauf in einem jüdischen Kaufhaus abzuhalten.

Die jüdischen Familien verarmten und verließen die Stadt. Mindestens 12 von ihnen kamen ums Leben, die Familien wurden auseinandergerissen: Ein Sohn der Familie Vollweiler floh nach Argentinien, zwei flüchteten nach Amerika, Kurt mit zehn Reichsmark und zwei gekochten Eiern in der Tasche. Die vier Kinder der Familie Bernstein mussten sich trennen: der älteste Sohn ging nach Shanghai, eine Tochter nach Moskau, Frau Bernstein und eine Tochter kamen in einem Konzentrationslager um. Gustav Reutlinger wanderte nach Kuba aus, seine Frau und Tochter, die zu ihm wollten, gerieten mit rund 900 anderen jüdischen Flüchtlingen auf das Schiff "St. Louis", dessen deutscher Kapitän vergeblich versuchte, in Kuba und in den USA eine Erlaubnis zum Anlanden zu bekommen.

"Die sind doch wie wir, hat einmal ein kleiner Junge gesagt, der bei dieser Stadtführung dabei war und die Bilder gesehen hat", berichtete Brigitte Kneher. Seit zwölf Jahren bietet sie in Zusammenarbeit mit der Kirchheim-Info diese Führung an. Brigitte Kneher und ihr Mann sind Mitglieder der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Brigitte Kneher begann 1984, mit Unterstützung durch den Stadtarchivar Rainer Kilian und Barbara Ibsch von der Lokalredaktion des "Teckboten", Nachforschungen zum Verbleib der jüdischen Familien anzustellen. Es gelang ihr, zu allen sieben Familien Kontakt aufzunehmen und mit Unterstützung durch Oberbürgermeister Hauser und den Gemeinderat die einstigen Kirchheimer Familien 1986 zu einem Besuch einzuladen. Sechs Familien folgten der Einladung, und bis heute bestehen persönliche Beziehungen zwischen Brigitte Kneher und den jüdischen Familien.

Brigitte Knehers Wissen um die einzelnen Schicksale und ihre Anteilnahme sind spürbar bei dieser rund eineinhalb Stunden dauernden Führung. Einmal im Jahr, immer um den 9. November, dem Datum der Reichspogromnacht, wird diese Sonderführung angeboten; Gruppen können die Führung jederzeit bei der Kirchheim-Info buchen.