Lokale Kultur

"Ein Klavier im Urwald" würdigt Leben und Lehre des Tropenarztes

LENNINGEN Albert Schweitzer ermutigte zeitlebens, dem eigenen Denken zu vertrauen und aus der geistigen Freiheit Energie zu schöpfen. Den kategorischen Imperativ

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ERIKA HILLEGAART

predigte und lebte der Tropenarzt, Musiker und Theologe Albert Schweitzer konsequent. Wird seine Botschaft von der "Ehrfurcht vor dem Leben" noch gehört?

Zum dritten Mal gastierte "Dein Theater" aus Stuttgart auf Einladung des Förderkreises Schlössle und der Gemeindebücherei in Oberlenningen, diesmal im Verbund mit den Kirchengemeinden Ober- und Unterlenningen sowie Brucken und dem Evangelischen Bildungswerk Esslingen. Pfarrer Karlheinz Graf würdigte bei seiner Begrüßung diesen Verbund von Kirche und Kultur: "Wenn viele zusammenkommen, ist das ein Beginn. Bleiben viele zusammen, ist es ein Fortschritt, arbeiten viele zusammen, ist das ein Erfolg."

Viele Besucher waren in die Sankt Martinskirche Oberlenningen gekommen, manche wohl mit Erinnerungen an ihr einstiges Konfirmandengeschenk, das Buch "Zwischen Wasser und Urwald". Die Kirche war der passende Ort für die szenische Lesung mit Musikeinspielungen von Bach und Beethoven. "Ein Klavier im Urwald" nennt das Stuttgarter Theater "auf Bestellung" die Szenenfolge. Albert Schweitzers Buchtitel klingt nach. Auch die vielen Begabungen des gebürtigen Elsässer Pfarrersohns, seine Musikalität, sein kritisch-analytischer Verstand, seine Glaubensstärke, nicht zuletzt sein knorriger Humor wollen unter dieser Überschrift gebündelt sein.

Der Schauspieler Norbert Eilts legt Querschnitte durch die Biografie. Der ursprüngliche Anlass für die Inszenierung war der 130. Geburtstag im vergangenen Jahr. Zwischen Orgel-, Cembalo-, Violine-, Klavier- und Chor-Einschüben beleuchtet Norbert Eilts die Lebensgeschichte von Albert Schweitzer: die Kindheit und Jugendzeit, die Erfolge als Geisteswissenschaftler und Organisten bis zu seinem 30. Lebensjahr.

Berühmte Schweitzer-Zitate lassen neu aufhorchen. "Sich kennen, will nicht heißen, alles voneinander wissen." "Ein Mensch soll nicht in das Wesen des anderen eindringen wollen." "Auch die Seele hat ihre Hüllen." Dann setzt Eilts den Tropenhelm auf. Es erfolgt nach Schweitzers Medizinstudium dessen Aufbruch nach Afrika, in den Kongo zu den Menschen, die "im Schatten des Elends leben" durch die europäischen Machtansprüche.

Norbert Eilts erhellt Schweitzers Grenzüberschreitungen mit Schlaglichtern aus dem Alltag des wahrlich praktischen Tropenarztes. Der Hühnerstall wird zur Operationssaal. Heidnische Fetischbräuche und Stammesmentalität, tropisches Klima und fehlende Arbeitskräfte fordern zu täglichen Höchstleistungen heraus. Bei einer Flussfahrt auf dem Ogowe im Jahr 1915 findet Albert Schweitzer den Begriff "Ehrfurcht vor dem Leben" als universelles Prinzip. Immer wieder vertiefen Musikeinspielungen, was den Bachinterpreten und Christen im Urwald durchhalten lässt.

Die Themenwechsel werden wirkungsvoll durch die Licht- und Tonregie von Katharina Reich. Norbert Eilts macht die einzelnen Episoden lebendig mit anekdotischen Zitaten, überzeugt eindringlich, provoziert manchmal plakativ pathetisch: "Den Menschen muss man kennen! Albert Schweitzer hat Geistesgeschichte geschrieben."

Schade, dass die Jugendlichen an diesem Abend kaum vertreten waren. Da sind doch Gedanken zitiert worden, die sehr verständlich waren: "Im Jugendidealismus erschaut der Mensch die Wahrheit. In ihm besitzt er einen Reichtum, den er gegen nichts eintauschen soll. Wenn die Menschen das würden, was sie mit vierzehn sind, wie anders wäre die Welt." Diese innere Jugend, die Friedenssehnsucht und Liebe zum Leben in Sinne der Bergpredigt hat sich Albert Schweitzer bis ins hohe Alter bewahrt bei aller körperlichen Müdigkeit, der Kritik an seinem Werk und den Enttäuschungen nach zwei Kriegen.

Albert Schweitzer und Albert Einstein das Doppelgestirn am Nobelpreishimmel warnten im Alter einmütig eindringlich vor der atomaren Aufrüstung. Das war vor einem halben Jahrhundert das ist aktueller denn je. Albert Einstein veränderte das Weltbild. Und die Veränderung des Menschenbildes im Sinne Albert Schweitzers? Das erfordert von vielen viele kleine Schritte: "Das Wenige, das du tun kannst, ist viel", so ermutigte einst der Tropenarzt, Kulturphilosoph, Theologe, Bachinterpret und Entwicklungshelfer die Jugend. "Dein Theater" machte seinem Namen Ehre: Mitmenschlichkeit als "deine Sache". Im Lenninger Tal will das derzeitige Jugendseminar "Puls" "den Herzschlag der Jugend von heute" erspüren und deren Ideale neu entdecken.