Kirchheim

Ein Land öffnet sich für Aerobic

Kunst „China Connection 1“ – so lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Kornhaus. Sie verbindet Leinwandkunst mit einem kontrastierenden Videoprojekt. Von Kai Bauer

Die chinesische Künstlerin Meng Yang nutzt Leinwände auf ungewöhnliche Weise. Foto: Carsten Riedl
Die chinesische Künstlerin Meng Yang nutzt Leinwände auf ungewöhnliche Weise. Foto: Carsten Riedl

Mit „China Connection 1“ beginnt die Städtische Galerie im Kornhaus eine Reihe von Ausstellungen, in denen die Werke junger chinesischer Künstler präsentiert werden. Zum Teil haben sie ihre Ausbildung in Deutschland absolviert. Sie können daher aus den Einflüssen beider Kulturen schöpfen. Die erste Ausstellung, die am Wochenende eröffnet wurde, zeigt Werke der in Nürnberg lebenden Malerin und Zeichnerin Meng Yang und dem Konzept- und Videokünstler Zhou Gang, der ebenfalls bis 2011 an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg studierte und heute in Wuhan in der Volksrepublik China lebt.

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Im Erdgeschoss des Kornhauses sind Meng Yangs Werke auf der Längswand zu sehen, zwei kleinere Projektionsbereiche sind für die Videoarbeiten von Zhou Gang abgeteilt. Meng Yangs großformatige Bilder sind Hybride, die Elemente von Zeichnung und Malerei enthalten. Sie werden in einer Gruppe unterschiedlicher Bildformate präsentiert. Die 1979 in Tianjin geborene Künstlerin, die 1998 bis 2002 an der Academy of Fine Arts in Tianjin und von 2008 bis 2010 an der Kunstakademie in Nürnberg studierte, zeichnet mit Marker oder Filzstiften auf weiße Leinwände.

Die Bilder zeigen Blumen- und Landschaftsmotive. Bei oberflächlicher Betrachtung erinnern die Bilder an chinesische Holzdrucke, manchmal an farbige Tuschezeichnungen. Die klassischen Natur- und Landschaftsmotive werden jedoch weiter transformiert bis hin zu Bildfindungen, die von jeder gegenständlichen Referenz befreit sind.

Leinwände dienen normalerweise als Malgrund für Pinsel und Farben, mit denen flächig gearbeitet wird. Meng Yang wendet hier jedoch Filzstiftzeichnung an und arbeitet ausschließlich mit Linien. Das ist absolut - es gibt also nur den satten Tintenauftrag oder den unberührten Hintergrund. Yang jedoch trägt diese Linien mit scheinbar unendlicher Geduld in vielen parallelen Verläufen, sodass sie sich auf die Distanz zu leicht vibrierend, manchmal plastisch wirkenden Flächen verdichten.

Die traditionellen Themen - Blumen oder Landschaften - bekommen durch die kleinteiligen Liniengruppen einen handwerklichen Charakter. Sie wirken jedoch auch wie technisch erzeugte Bilder, die sich aus digitalen Modulen zusammensetzen könnten.

Zhou Gang, 1980 in Wuhan geboren, ist seit 2012 künstlerischer Mitarbeiter an der Kunstakademie Hubei in Wuhan. In seinem Videofilm „China“ (2015) bezieht sich Zhou Gang auf den Dokumentarfilm „La Chine: Chung-Kuo-Cina“ („Reich der Mitte“) des italienischen Filmregisseurs Michelangelo Antonioni, der 1972 auf Einladung der chinesischen Regierung in Peking, Nanking und Shanghai den Alltag des maoistischen Chinas während der Kulturrevolution gedreht hatte. Der Film - ursprünglich drei Stunden lang - wurde auf 34 Minuten gekürzt. Die über vierzig Jahre alten Aufnahmen von Antonioni wirken leicht vergilbt. Diesen historischen Aufnahmen stellt Zhou Gang das zeitgenössische China entgegen, das er an denselben Drehorten aufgenommen hat.

Die technische Qualität der Aufnahmen korrespondieren mit den inhaltlichen Motiven, die Rituale und alltägliche Verhaltensformen zeigen. Rechts: die wunderbar verblassten Farben des Films von 1972, der die zeitlupenhaften Übungen der Tai-Chi-Anhänger in öffentlichen Parks und auf städtischen Plätzen zeigt. Schnitt. Nachdenkliche Gesichter schauen in die laufende Kamera. Links: an gleichem Ort Übungen großer Gruppen von Freizeitsportlern beim Aerobic - einer aktuellen Modeströmung in China. Schnitt. Menschen, die damit beschäftigt sind, mit ihren Smartphones Selfies zu machen.

Antonionis Szenen entstanden während der Kulturrevolution, bei der chinesische Intellektuelle von Maos Anhängern verfolgt wurden. Die Menschen auf Plätzen und Straßen sind grau uniformiert gekleidet, bewegen sich oft in militärisch synchronisierten Gruppen fort, Brille tragen war verpönt. Die gegenübergestellten Aufnahmen von 2016 dokumentieren die Öffnung Chinas zum Westen und seine Entwicklung zum postmodernen Industriestaat, den damit verbundenen Prozessen der Urbanisierung, sowie den rasanten Wandel zur neoliberalen Konsum- und Informationsgesellschaft.

Info Die Ausstellung „China Connection“ ist noch bis zum 7. Januar im Kirchheimer Kornhaus zu sehen. Geöffnet ist sie dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr.

China 1972: Ein Film sorgt für Aufsehen beim Regime

1972 drehte der Italiener Michelangelo Antonioni in Kooperation mit dem italienischen Staatssender RAI ein Filmprojekt in China. Die Gremien des Fernsehsenders waren damals von Linksintellektuellen dominiert.

„La Chine“ sollte einen Blick von außen auf das revolutionäre China zeigen und war in europäischen Kinos zwei Jahre lang zu sehen.

Plötzlich wurde der Film in China verboten, wahrscheinlich wegen Protesten von Chinesen, die in Europa lebten. Denn er zeigt nicht nur glückliche Menschen, sondern auch Armut, Schmutz und staubige Landschaften, die nicht den Vorstellungen der Staatsführer entsprachen. kb