Lokale Kultur

Ein langes Gespräch unter ungleichen Brüdern

KIRCHHEIM Rudolf Guckelsberger las nicht nur, Rudolf Guckelsberger war "Der Großinquisitor". Ideale Voraussetzungen brachte er schließlich mit, den in Fjodor Dostojewskijs Roman "Die Brüder Karamasow"

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WOLF-DIETER TRUPPAT

unsterblich gemachten religiösen Disput im Kapitel "Der Großinquisitor" dem Publikum intensiv nahezubringen. Eindrucksvolle und von Konzentration bestimmte Stille kennzeichnete dann auch diesen äußerst gehaltvollen Abend, mit dem die Reihe "Literarische Begegnungen und Informationen" für das Jahr 2006 in Kirchheim schloss.

Rudolf Guckelsberger konnte einmal mehr eindrucksvoll belegen, dass er zweifellos mehr zu bieten hat, als "nur" Sprecher und Moderator beim Südwestrundfunk (SWR) zu sein. Durch sein Studium der Sprechkunst und Sprecherziehung an der Musikschule Stuttgart und durch sein ebenfalls mit Diplom abgeschlossenes Studium der Katholischen Theologie in Bonn und Würzburg ist er schließlich geradezu dafür prädestiniert, einem grundsätzlich Glaubensfragen offenstehenden und an Literatur interessierten Publikum den bekannten Disput zweier Brüder nahezubringen, den Fjordor Dostojewskij in seinem Roman "Die Brüder Karamasow" festgeschrieben und unvergänglich gemacht hat.

Nach Oliver Maria Schmitts "Punkroman für die besseren Kreise" mit dem Titel "Anarchoshnitzel schrien sie", der kunterbunten "Überlebensbibliothek" von Rainer Moritz und Gisela Meister-Scheufelens statistisch unterfütterter und mit aussagekräftigen Grafiken angereicherter Beschäftigung mit dem Thema "Aktuelle Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg", stand zum Abschluss der Veranstaltungsreihe "Literarischer Begegnungen" im Jahr 2006 in Kirchheim ein ganz besonders fordernder Abend auf dem Programm.

"Revolutionäre, grandiose Dichtung" versprach Geschäftsführerin Sibylle Mockler den Besuchern und und zeigte sich schon vorab überzeugt, dass Rudolf Guckelsberger sie "meisterhaft präsentieren" wird. Neben Texten von Franz Kafka, Heinrich von Kleist und Thomas Mann hatte Rudolf Guckelsberger sich schon vor Jahren mit "Die Sanfte" und damit "der letzten und vollkommensten Erzählung" dieses russischen Dichters auseinandergesetzt.

Stand damals der erschütternde Monolog im Mittelpunkt, den ein egozentrischer und machtbesessener Mann am Grabe seiner Frau hält, die durch ihn in den Selbstmord getrieben wurde, bildete dieses Mal der Monolog des Kardinal-Großinquisitors das zentrale Thema, das Rudolf Guckelsberger geschickt vorbereitete und dem Publikum zunächst die Möglichkeit bot, wenigstens rudimentär mit den beiden höchst unterschiedlichen Brüdern Iwan und Aljoscha vertraut zu werden.

Mit einem Ausschnitt aus dem Kapitel "Die Brüder lernen einander kennen" aus dem fünften Buch mit dem pragmatischen Titel "Pro und Kontra"stellte er den Besuchern zunächst die beiden unterschiedlichen Brüder vor, die sich in einem Moskauer Restaurant nach dem Bestellen von Fischsuppe, Tee und eingemachten Kirschen in einem langen Gespräch mit der Erörterung von Fragen äußerster Not und Verzweiflung auf die Suche nach dem Sinn des Lebens und der Welt begeben.

Zentrales Thema, so macht Rudolf Guckelsberger vorab deutlich, ist dabei, wie es möglich ist, "dass es so viel Leid und Böses auf der Welt gibt, wenn doch zugleich Gott, ihr Schöpfer, nur das Gute will und in seiner Allmacht seinen Geschöpfen das Leid, zumal das unverschuldete Leid, ersparen könnte . . ."

Der 24-jährige Iwan empört sich im Gespräch mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder Aljoscha, der als Novize in einem Kloster lebt, mit Nachdruck gegen einige Argumente der Theodizee-Verfechter und ihrer Rechtfertigung Gottes. Rudolf Guckelsberger beschreibt ihn als einen "zwiespältigen Verstandsmenschen, der mit seinen alles durchdringenden und alles hinterfragenden Gedanken letztlich zu dem Schluss kommt, dass die Welt, so wie sie ist, oder wie er sie sieht, keinesfalls "die beste aller möglichen" sei. Da es sich in ihr nicht zu leben lohnt, formuliert er als sein Lebensprogramm die nihilistische Maxime "Alles ist erlaubt".

Mit dem dezenten Hinweis, dass sich dieses Werk der Weltliteratur vor dem Hintergrund einer spannenden Kriminalgeschichte entwickelt, bei der über Hunderte von Seiten unklar bleibe, wer denn den skrupellosen und geldgierigen Vater Fjodor Karamasow umgebracht hat, versuchte Rudolf Guckelsberger, die Neugierde der Besucher zu wecken für die zweifellos langen Atem erfordernde Lektüre von Swetlana Gaiers hoch gelobter Neuübersetzung.

Auch wenn Rudolf Guckelsberger mit Daumen und Zeigefinger unterstützt, das Publikum auf die eindrucksvolle Breite des Buchrückens aufmerksam machte und einräumte, dass man sich durch dieses bedeutende Werk der Weltliteratur tatsächlich durchkämpfen muss, konnte er mit seiner Konzentration auf das als schmales Büchlein vorliegenden Kapitels "Der Großinquisitor" über alle Zweifel belegen, dass die Lektüre des erschreckend seitenstarken Klassikers "Die Brüder Karamasow" tatsächlich "ungemein viele Einsichten und Erkenntnisse" garantieren kann.