Lokale Kultur

Ein "Steppensohn" zieht Bilanz

KIRCHHEIM "Da sind viele Tränen geflossen", sagt Herbert Simpfendörfer. Auf dem Schoß hält der

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IRENE STRIFLER

77-Jährige vier imposante Bände mit dem Titel "Steppensohn". Sie enthalten das bewegte Leben des "Steppensohnes" Herbert Simpfendörfer. Geboren wurde er als Spross deutscher Kolonisten in der Steppe Bessarabiens. Krieg, Flucht und Vertreibung prägten das Leben des jungen Mannes, der über Polen und die DDR nach Westdeutschland kam und schließlich in Ötlingen heimisch wurde. Mit seiner Frau Hildegard zog er zwei Söhne groß. Neben seiner Arbeit war er im mittlerweile aufgelösten Chor der Bessarabiendeutschen in Wendlingen aktiv, feierte Erfolge als Solo-Bariton und baute und pflegte endlich sesshaft geworden sein eigenes Heim, nicht ohne im Kollegenkreis die Erfahrung von Rivalität, Neid und Missgunst machen zu müssen.

Doch die Vergangenheit ließ den Mann nicht los. Reisen in die alte Heimat und jene Gegenden in Polen, in denen er und seine Eltern während des Krieges angesiedelt waren, wühlten die lang verschütteten Erinnerungen erneut auf. "Schreib alles auf, dann fällt's Dir leichter", habe seine Frau ihm geraten, berichtet der Autor mit Tränen in den Augen. Doch angesichts der wachsenden Stapel eng beschriebener DIN A4-Zettel habe sie bald nur noch mit einem erschreckten "Ogott!" abgewunken. 1600 Seiten kamen schließlich zusammen.

Der älteste Sohn, Dieter Simpfendörfer, sorgte maßgeblich dafür, dass das wertvolle Zeitdokument, das möglicherweise Doktoranden als ergiebiger Fundus dienen wird, nicht in der Schublade verstaubte. Seit 1992 überarbeitete er - ausgestattet mit einem enormen väterlichen Vertrauensvorschuss die gesammelten Erinnerungen. Rund ein Dutzend Durchgänge durch das gesamte Material erfolgten zwischen 1992 und heute. Ein hessisches Schreibbüro übertrug die fein säuberliche Handschrift auf Diskette. Doch erst der auf der Frankfurter Buchmesse geknüpfte Kontakte mit dem Projekte-Verlag 188 aus Halle rückte den Druck in greifbare Nähe. Jetzt liegt die gebündelte Vergangenheit des Herbert Simpfendörfer vor: Vier imposante Bände, 1500 Druckseiten voller sehr persönlicher Erinnerungen.

Hildegard Simpfendörfer durfte die gedruckte Version der Erinnerungen, die übrigens auch eine Liebeserklärung an sie sind, nicht mehr erleben. In den Memoiren ihres Mannes bleibt sie lebendig, ebenso wie zahlreiche Weggefährten und die individuelle Geschichte eines Lebens. Herbert Simpfendörfer selbst ist mit den Jahren der Arbeit an seinem Lebenswerk ein anderer geworden, heißt es unter seinen Nächsten: Er hat seine Vergangenheit bewältigt.

Zwar sind die Geschichten ausgesprochen persönlich gehalten, dennoch sind sie ein Spiegel des Lebens Tausender Zeit- und Altersgenossen des Autors. Überraschend ist die Akribie, mit der Simpfendörfer bei seinen Beschreibungen vorgeht, die minutiösen Detailschilderungen, die schließlich auch zu dem enormen Umfang des Werks geführt haben. "Mein Vater war schon immer ein guter Erzähler und hat auch früher im Familienkreise immer wieder die Geschichten aus der alten Heimat berichtet", erinnert sich der Sohn an seine Jugendzeit. So mag sich einerseits der unterhaltende Stil der Erzählung erklären, andererseits aber auch die Tatsache, dass dem "Steppensohn" längst vergangene Episoden immer noch glasklar in Erinnerung sind. "Die größte Sorge meines Vaters war immer, er könnte sein Gedächtnis verlieren, ehe er am Ende seiner Erzählungen angelangt ist", sagt Dieter Simpfendörfer schmunzelnd. Die Sorge war unberechtigt.

Der vierteilige Zeitzeugenbericht "Steppensohn" von Herbert Simpfendörfer wird im Rahmen einer Festveranstaltung der evangelischen Kirche Ötlingen am kommenden Sonntag, 19. Juni, im Festsaal des Städtischen Museums im Kirchheimer Kornhaus vorgestellt. Pfarrer Wilhelm Keller eröffnet die Veranstaltung um 15 Uhr. Grußworte sprechen Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer, Ingo Rüdiger Isert, der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen, und Verleger Reinhardt O. Cornelius-Hahn vom Projekte-Verlag 188 aus Halle an der Saale. Die Laudatio hält Professor Siegmund Ziebart. Einblick in das vierbändige Opus erhalten die Zuhörer durch die Lesung von Oberstudienrat Bernd Löffler. Pianist Waldemar Skielo umrahmt die Veranstaltung musikalisch. Das Schlusswort spricht Pfarrer Wilhelm Keller.