Lokale Kultur

Ein unterhaltsames Abbild der neoliberalen Welt

Mit „Die Kleider der Kaiserin“ feierte das Team der Frickenhäuser Theaterspinnerei eine umjubelte Premiere

Frickenhausen. „Der Mensch an sich ist dumm“, lautet eine Erkenntnis, „unglaublich, wie viel Geld man damit verdienen kann“, eine andere,

Anzeige

der Ersteren folgende. Nahezu unglaublich auch, wie viel man an solchen und weiterführenden Erkenntnissen aus dem Märchen von „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen ziehen kann.

Das Team der Theaterspinnerei im Bahnhof Frickenhausen hat sich darangemacht und mit seinem neuen Stück „Die Kleider der Kaiserin“ eine verblüffend gegenwartsnahe Parabel von Aussehen und Hintergrund einer „marktkonformen Demokratie“ entworfen. Am Freitag nun hielten „Kaiserin“ Marilena Pinetti und „Graf Weber“ alias Jens Nüßle zusammen mit dem für Musik und Technik verantwortlichen Stephan Hänlein und dem als aufrechter Minister und unbestechlicher Amtmann agierenden Matthias Jentsch anlässlich der Premiere erfolgreich Hof.

Nur besonders kluge und mit hohem Sinn für Ästhetik gesegnete Menschen können sie sehen, die neuen Kleider der Kaiserin. Dies der Trick hinter dem bekannten Geschäftsmodell, mit leeren Versprechen oder eben nicht vorhandenen Klamotten Kohle zu machen. Ob man nun Aktien-Leerverkäufe, Wetten auf Zahlungsfähigkeit obdachloser Amerikaner oder eben nicht sichtbare Oberbekleidung heranzieht, überall geht es darum, an die Cleverness von Leuten zu appellieren, die nicht zugeben können, dass sie keine Ahnung haben.

Insofern haben es Regisseur Jens Nüßle und seine Mitstreiter tatsächlich geschafft, ein verblüffend wirklichkeitsgetreues Abbild vom Lauf der neoliberal geprägten Welt herzustellen und in das Bühnengeschehen ein Sammelsurium von Anspielungen einzuflechten. So gibt Nüßle den geschäftstüchtigen Weber im Gewand eines chinesischen Mandarins, der ständig am Stapeln ist, meistens hoch. Allerdings haben seine „Bauklötze“, unterschiedlich große Styroporquader, noch andere Aufgaben: Zusammen mit der von Stephan Hänlein perfekt gesteuerten Bühnenbeleuchtung bilden sie plötzlich ein leuchtend rotes großes „T“ – wem fiele da nicht spontan der Hype um eine gewisse „Volksaktie“ ein?

Die Kaiserin ließ den Kult um die nicht vorhandenen, dennoch für alle sichtbaren Kleider alsbald zur Marke und zur Staatsraison werden. Die hohe Politik betet jeden Glaubenssatz der marktradikalen Eliten trotz besseren Wissens oder in hoffnungsloser Ahnungslosigkeit eifrig nach und faselt nur noch von „Wachstum und Wohlstand“, während das Volk über den Tisch gezogen werden soll.

Nur drei Darsteller bewältigen das zweistündige Werk von den Kleidern der Kaiserin, die doch keine sind, den Rest macht die Technik. Oder vielmehr diejenigen, die mit ihr umgehen. Der in der Art eines Kirchenchores rund gebaute Bühnenraum, changiert je nach Bedarf von einer grottenwandigen Behausung und Werkstatt zur kaiserlichen Burg oder einem Luftbild von Athen, auf dessen Straßen es nach kurzer Zeit bereits Tote gibt. Warum? – Tja . . .

„Weh mir, wo nehm‘ ich, wenn’s Winter wird“ hebt die zweite Strophe des Hölderlin-Gedichtes „Hälfte des Lebens“ an. Doch dem Dichter floss lediglich die Jugend durch die Finger. Wenn man als Normal-Mitteleuropäer im Winter statt Wolle Wunschträume anzieht, muss mit Erfrierungen gerechnet werden. Dann funktionieren die Mächtigen, Medien und Möchtegern-Ökonomen genauso, wie es die Theaterspinnerei darstellt: Sie läuten die Hatz auf Minderheiten ein. In diesem Falle auf Ausländer, die mit Fälschungen von „Kleidern“ aus der Fertigung des mittlerweile zum Grafen avancierten Luftwebers handeln.

Als deren Urheber wird von einem daten- oder faktensammelnden Amtmann der Erfinder höchstpersönlich erkannt. Was für ein Gedanke: Der Hersteller des „Original-Nichts“ wird zum Plagiator desselben, also zum Hersteller von Nicht-nichts, wenn die Priesterin des Gottes Mammon so will. Der Kopf des angeblichen Fälschers fällt. Das Opfer ist gebracht, doch der Keim ist gelegt: Im Schlussbild trägt die sichtlich schwangere Kaiserin den Inkubus des angeblich vernichteten „Bösen“ weiter.

Eine rundum gelungene Premiere wurde in dem restlos ausverkauften Theater von einem begeisterten Pub­likum mit einem lange anhalten­den und immer wieder aufbrandenden Beifall belohnt. Jens Nüßle und seine Mitstreiter wiesen da­rauf hin, dass es für die noch folgenden 18 Spieltage noch Restkarten gebe. Der Dank der Darsteller galt auch den vielen Helfern, speziell Christina Pinetti, die an der Regiearbeit beteiligt war, und Simone Monfrini-Pfaus, die für die Verwirklichung der pfiffigen Kostümideen verantwortlich zeichnete.