Lokale Kultur

Ein wandelbares Konzert

Schwäbisches Kammerorchester spielt mit dem Bezirkskantor

Kirchheim. Am Vortag war die Musik von stampfenden Bässen und jaulenden E-Gitarren bei der Kirchheimer Musiknacht geprägt. Am

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Sonntagabend streichelten die sanft-seufzenden Streicher des Schwäbischen Kammerorchesters die Ohren der Zuhörer in der Martinskirche.

Seit Jahrzehnten besteht eine enge Verbindung zwischen der Martinskirche und dem Schwäbischen Kammerorchester, da das Ensemble immer wieder in den großen oratorischen Aufführungen der Martinskantorei mitwirkt. Dem Orchester war es nun ein Herzensanliegen, sich für das neue Dach der Martinskirche zu engagieren.

Bezirkskantor Ralf Sach, Solist an Cembalo und Orgel, begrüßte das Publikum und wies augenzwinkernd auf den schwäbischen Zungenschlag des Kammerorchesters hin, der ihm aufgefallen sei. Er machte deutlich, dass die musikalischen Programmpunkte keine geistliche Literatur wäre, jedoch die Musiker rund um Kirchheim die Kirche mit ihrem Klangraum schätzten und jede Form der Musik sich unter dem Dach der Martinskirche vereinen dürfe.

Mit vier Stücken aus Milko Kelemens, geboren 1924, „Kleine Streichermusik“ lud das Schwäbische Kammerorchester unter der Leitung von Matthias Baur die Hörerschar auf die Reise ins Reich der Töne und Klänge ein. Mit einer Klangbreite von resoluter Überzeugtheit, aufblitzendem Spielwitz, bis ganz zart-zerbrechlicher Schüchternheit, zauberten die Streicher einen Wohlklang in den Kirchenraum.

Am Cembalo bot Ralf Sach mit hoch virtuoser pianistisch brillanter Souveränität eine kleine Kostprobe seines Könnens dar. Das Concerto per il Cembalo in D-Dur des ältesten Bach-Sohnes Wilhelm Friedemann (1710–1784), besticht durch irrwitzige Figuren in aberwitzigen Tempi und wunderschönen Melodien. Die in unglaublichem Tempo gespielten Läufe und Verzierungen von Ralf Sach begeisterten die Zuhörer.

Ein vollkommen anderes Genre bediente die Romanze in C-Dur von Jean Sibelius (1865–1957) – schon fast modern anmutende, teils düstere, mitreißende Musik. Matthias Baurs emotionales Dirigat lenkte das sensible Orchester und erweckte die Noten zu lebendigem großem Klang.

Der Höhepunkt des Konzertes in punkto Klangvolumen aber kam von einer Etage höher: das ganze Orchester zog auf die Empore, Ralf Sach nahm seinen Platz an der großen Rensch-Orgel ein. Das hochromantische Konzert für großes Orchester und Orgel von Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901) in F-Dur, bringt die Orgel nicht unbedingt als Soloinstrument zum Vorschein, vielmehr als Teil des Orchesters, als Klangteppich über allem. Jedoch mussten die Streicher in den Fortefortissimo-Passagen den ganzen Bogen ausnutzen, um sich hörbar zu machen. Die eigens für dieses Orgelkonzert engagierten Hornisten setzten punktgenau ein und verliehen diesem eine besondere Klangfärbung.

Die Komposition wartete mit zu Herzen gehenden Melodien, seelenstreichelnden Harmonien, aber auch mit Ohrwurm-Charakter, diesem vor allem im dritten Satz, auf.

Der Abend avancierte zum Wandelkonzert, was aber der Wirkung des Gehörten keinen Abbruch tat. Bis das Orchester nun im Chorraum die Plätze eingenommen hatte, improvisierte Ralf Sach in Anlehnung an das soeben gespielte Orgelwerk.

Mit dem Adagio for Strings von Samuel Barber (1910–1981) spielte sich das Orchester vollends in die Herzen der Zuhörer. Das langsame Tempo, die elegischen Themen und dunklen Klangfarben breiteten sich wohlig im Kirchenraum aus. Die Themen dieses Stückes schrauben sich behutsam nach oben, steigern sich in großen, wellenförmigen Crescendi und sinken dann langsam wieder zurück. Der offene Schluss, der nicht zur Haupttonart zurückkehrt, sondern auf einem Sextakkord stehen bleibt, wirkt wie ein Fragezeichen, auf das es keinen Antwortpunkt gibt.

Der aufbrandende und nicht enden wollende Applaus der berührten Zuhörer für den Solisten Ralf Sach und das Schwäbische Kammerorchester war gleichzeitig ein Ruf nach einer Zugabe. Diesem kam Matthias Baur gerne nach und ließ noch einmal die Noten der ersten Stücke des Programmes auflegen.

Es war ein grandioses Konzert und viele der Besucher sprachen dem Solisten Ralf Sach und dem Leiter des Abends, Matthias Baur, sowie den Orchester-Mitgliedern begeisterte Glückwünsche aus.