Lokale Kultur

Eine behutsame Annäherung, die den Zauber des Geheimnisses wahrt

KIRCHHEIM Qualität nutzt sich nicht ab, das machte der jüngste Abend der Reihe "Literarische Begegnungen und Informationen" im Kirchheimer Buchhaus Zimmermann unmissverständlich deutlich.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Am Beispiel von Franz Kafkas "Urteil" wurde ein ungemein geschickt inszenierter aber dankenswerterweise dann doch nicht bis zum letzten literaturwissenschaftlich belegbaren Faktum vollzogener Indizienbeweis angetreten, ob es sich bei all dem nicht gar um ein Fehlurteil handeln könne.

Fern aller juristischen Winkelzüge konnte dabei überzeugend demonstriert werden, wie sich durch das Vermehren fundierter Erkenntnisse literarisches Vergnügen ungemein intensivieren lässt. Wer sich gewissenhaft vorbereitet und den im Mittelpunkt der treffsicheren Inszenierung stehenden Text schnell noch gelesen hatte, musste erkennen, wie viel mehr Aussagekraft einem literarischen Text allein dadurch eingehaucht wird, dass ihn ein Profi liest oder noch besser: vorlebt.

Rudolf Guckelsberger hatte gerne die dankbare Aufgabe übernommen, seiner in Kirchheim versammelten Fangemeinde den Text nicht nur vorzustellen, sondern mit seiner zurückhaltenden und doch gerade deshalb ungemein anrührenden Vortragsweise den behandelten Vater-Sohn-Konflikt nahezu körperlich spürbar werden zu lassen. Bei minimaler Gestik und Mimik war für Beobachter mit günstigem Blickwinkel neben der Artikulation vor allem auch seine subtile "Beinarbeit" ungemein eindrucksvoll.

Ein Text war zu präsentieren, dem Dr. Horst Zimmermann attestierte, dass "dessen Widersprüche, absurde Bilder und Szenen" auch nach mehrfachem Lesen sich nicht eindeutig dem Verständnis erschließen. Nach bestem Wissen und Gewissen bemühte er sich nach der appetitanregenden Lesung von Rundfunkprofi Rudolf Guckelsberger darum, das Publikum in die Geheimnisse des Textes und in die Spezifik der für Franz Kafka so typischen einlinigen Erzählperspektive einzuweihen.

Ganz besonders deutlich arbeitete er dabei eine ebenfalls für Kafka typische Methode heraus, eine reale Erzählung höchst subtil und damit vielen Lesern gar nicht bewusst werdend in eine irreale Darstellung zu wandeln. Beim "Urteil" verfalle der Erzähler "in ein tiefes Nachdenken. Er versinnt sich regelrecht." Dadurch wird die grundlegende Veränderung im Bewusstsein der Person oder des Erzählers eingeleitet. Die von Franz Kafka so meisterhaft beherrschte Modulation hebt dabei die Realität auf und ermöglicht es ihm, den Leser mit völlig irrealen Bildern zu konfrontieren und zu verwirren.

Die entsprechenden Schlüsselpositionen etwa im "Prozess" oder im "Schloss" wurden von Dr. Zimmermann genannt. Am deutlichsten aber ist dieser erzähltechnische Kniff bei "Der Verwandlung", die Kafka bekanntlich mit dem so einfachen wie genialen Satz einleitet: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt".

Damit schafft es Kafka, dem Leser zwar ungemein viel zu vermitteln, ihn letztlich aber immer im Unklaren darüber zu lassen, was real zu glauben ist oder was möglicherweise auch nur gedacht, geträumt, erfunden oder erhofft wird. Leidenschaftliche Diskurse darüber, ob Gregor Samsa tatsächlich ein schreckliches Ungeziefer geworden ist oder nicht, sind durch genaue Lektüre des Textes vermeidbar, der schließlich nicht sagt, er war verwandelt, sondern nur, er fand sich verwandelt.

Auch für die Frage, ob es im "Urteil" den ominösen Freund in Petersburg überhaupt gibt, oder ob er nur das positive imaginäre Gegenbild von Georg Bendemann ist, finden sich in den voller Rätsel steckenden Textzeilen viele Signale zu deren Beantwortung. Wie dicht die Darstellung eines erdachten traumhaften inneren Lebens mit Elementen des realen Lebens verwoben ist und auch unzählige biografische mit absurden Elementen vermischt, machte Dr. Zimmermann augenfällig.

Regelmäßige Besucher der "Literarischen Begegnungen" waren dabei durch eine vorangegangene Veranstaltung über Kafkas "Brief an den Vater" und natürlich auch die Beschäftigung mit Gregor Samsas "Verwandlung" allerbestens sensibilisiert für Kafkas schwieriges Verhältnis zum dominanten, strengen Vater. Sie kannten schon Kafkas "existentielle Angst, im Leben zu versagen und zu dauerhaftem Erfolg unfähig zu sein". Auch sein "brüchiges Verhältnis zu Frauen", seine "psychischen Vorbehalte und körperlichen Abneigungen" waren ihnen nicht fremd.

All das solle als Schlüssel zum Verständnis auch dieses schwierigen Beispiels von Kafkas Dichtung herangezogen werden. "Wer ihr all ihre Geheimnisse entreißen wollte, würde ihr den Zauber nehmen", lautete Dr. Zimmermanns abschließende Warnung, bevor Rudolf Guckelsberger noch einmal Kafkas sprachliche Meisterschaft zelebrierte.